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GESCHICHTLICHES

Bundesgeschichte der Landsmannschaft im CC Merovingia Gießen zu Mainz (in Zahlen)

Bundesgeschichte der Landsmannschaft im CC Merovingia Gießen zu Mainz (ausführlich)

Geschichte des deutschsprachigen Studententums

Geschichte der Universitäten

 

"Geschichte ist mehr als der Bericht von Geschichtetem"

Um bei dem Zitat von Martin Heidegger zu bleiben: Geschichte kann und muß mehr sein als der Bericht über eine Abfolge von aufeinanderfolgenden Ereignissen. Geschichte soll, wenn sie richtig verstanden wird Verantwortungsvolles für das Leben der Menschen im Mit- oder zumindest im Nebeneinander sichtbar machen. Ein Lebensbund wie unsere Merovingia kann und darf sich nicht mit etabliertem identifizieren; er muß sich vor allem mit der Gegenwart und Zukunft auseinandersetzen!

Kenntnis der Geschichte ist notwendig um daraus zu lernen, um sich Fragen zu stellen und Irrwege zu erkennen, jedoch nicht um zu verurteilen. Schon gar nicht aus der heutigen Sicht heraus mit einem Wissen das die damals Lebenden nie haben konnten. Dieser Fehler wird heute viel zu oft gemacht, ohne sich zu fragen: "Wie hätte ich gehandelt?"

Gerade wir als Studentenverbindung, die wir uns den Erhalt von Traditionen auf die Fahnen geschrieben haben sollten uns in unserer eigenen Geschichte gut auskennen. Wir wollen nicht einfach kritiklos Überkommenes weitergeben ohne zu prüfen warum. Was wir an Traditionen pflegen, pflegen wir, weil wir einen Sinn darin sehen und weil es sich in unseren Augen bewährt hat! Wir leben in dem Bewußtsein Teil der langen Geschichte Merovingias mit all ihren Höhen und Tiefen zu sein und sind uns der Verantwortung vor dieser Geschichte bewußt!

"Wer die Geschichte nicht kennt ist verdammt sie zu wiederholen"


Bundesgeschichte der Landsmannschaft im CC Merovingia in Zahlen
01.06.1885 Gründung des "Mathematisch-Physikalischen Vereins" in Gießen mit den Farben blau-weiß-gold und dem Wahlspruch "Fortis ut palma florebit"; die Farben wurden zunächst nur als Bier- und Weinzipfel getragen; Bekenntnis zum Prinzip der unbedingten Satisfaktion.
WS 1887/88 Aufnahme in den "Verband mathematischer und naturwissenschaftlicher Vereine an den deutschen Hochschulen" (VMNV) und den neugegründeten "Verband wissenschaftlicher Vereine" (VWV)
08.06.1895 Gründung eines Altherrenverbandes
SS 1899 Änderung des Namens in "Mathematisch-Naturwissenschaftlicher Verein" Austausch des bisherigen Wahlspruches gegen "Ernst in der Wissenschaft - Treu in der Freundschaft". Dieser Wahlspruch hat auch heute noch Gültigkeit
1909 Mitwirkung bei der Gründung des "Deutschen Verbandes wissenschaftlicher Verbindungen" (DWV)
1912 Namensänderung in "Mathematisch-Naturwissenschaftliche Verbindung"
12.04.1919 Abermalige Änderung des Namens in "Merovingia, Wissenschaftliche Verbindung im DWV"
20.03.1921 Einführung des Farbengrundsatzes: blau-weiß-goldenes Band, blaue Tellermütze
SS 1921 Erste Kontakte zum Coburger LC
16.07.1921 Umbenennung in "Freie Landsmannschaft Merovingia"
12.07.1922 Aufnahme in den Coburger LC
1928 Beitritt zum "Weißen Ring", einem Kartell, dem außerdem Salia Bonn, Vandalia Breslau, Marchia Berlin und Borussia Münster angehörten.
1930 Austritt aus dem "Weißen Ring"
1935 Suspendierung der Aktivitas; Anschluß der Altherrenschaft an Chattia Gießen zur gemeinsamen Betreuung der auf dem Chattenhaus angesiedelten Kameradschaft "Admiral Scheer".
29.06.1949 Gründungsconvent zur Rekonstitution eines aktiven Bundes in Mainz mit dem Namen "Wissenschaftliche Studentenvereinigung Merovingia"
1952 Eintritt in den neugeschaffenen "Coburger Convent", einen Dachverband, der Landsmannschaften und Turnerschaften zusammenfaßte; Änderung des Namens in "Landsmannschaft im CC Merovingia Gießen zu Mainz"
1964 Bezug eines neuen Verbindungshauses anläßlich des 79. Stiftungsfestes
24.11.1983 Merovingia ficht die 800. Partie nach dem Zweiten Weltkrieg
1990 Umzug in das neue Verbindungshaus Friedensstraße 39 in Mainz-Gonsenheim

Bundesgeschichte der Landsmannschaft im CC Merovingia (ausführlich)
Die Gründung und Gründungszeit 1885
Der Grundstock für unsere Landsmannschaft "Merovingia Gießen zu Mainz" wurde am 1. Juni 1885 in Gießen gelegt, als sich der "Mathematisch-Physikalische Verein" unter dem Wahlspruch "Fortis ut palma florebit" konstituierte.. Die Anfänge der Gründungsidee gehen noch einige Semester zurück, als in Gießen hauptsächlich die Corps, Burschenschaften und einige "schwarze Verbindungen" das Korporationsleben prägten, das nicht immer Anklang bei der Bevölkerung fand. Im Gegensatz zu den anderen Korporierten trugen die "Schwarzen" keine Vollcouleur und huldigten zuvorderst der Geselligkeit im Stile von "Auerbachs Keller".
Einen aufschlußreichen Einblick in die Vereinsgründung von 1885 gibt einer der Gründungsburschen in der Festschrift zum 25jährigen Bestehen des Vereins: "Der Gedanke an die Gründung eines mathematischen Vereins lag sozusagen in der Luft. Man sprach schon einige Semester davon. Einige Mathematikstudierende gehörten früher der Gießencia, einer schwarzen Verbindung, an, die nur den Zweck hatte, das gesellige Leben unter ihren Mitgliedern zu fördern. Da diese Verbindung Ende des WS 1884/85 wegen inneren Streitigkeiten aufflog, hatten diese Mitglieder keinen Anschluß mehr. Dazu gehörte Kramer. Keller, der im SS 1885 von Berlin zurückgekehrt war, wo er dem dortigen Mathematischen Verein angehört hatte, war schon früher mit Kramer befreundet. Beide faßten den Plan, einen Mathematischen Verein zu gründen. Durch persönliche Bearbeitung versuchten sie, diejenigen Mathematikstudierenden, die keiner Korporation angehörten, für ihren Gedanken zu gewinnen, was bei manchem keine kleine Arbeit war, da sie schon in höheren Semestern waren und sich keinem Zwang unterwerfen wollten. Kramer, der mit den meisten dieser Mathematikstudierenden auf gutem Fuße stand, schleppte sie - soweit ihm dies gelang - zur Gründungsversammlung."
Die zwölf Gründungsburschen stammten ausnahmslos aus Hessen (einschließlich dem heute zu Rheinland-Pfalz zählenden Rheinhessen):

1. Keller, Adam (Kirch-Brombach)
2. Kramer, Philip (Groß-Rohrheim)
3. Block, Rudolf (Alsfeld)
4. Keil, Jakob (Hohen-Sülzen)
5. Muth, Peter (Osthofen)
6. Kauß, Jakob (Hohen-Sülzen)
7. Brückel, Jakob (Offenbach)
8. Dittmar, Peter (Nieder-Ohmen)
9. Braun, August (Wieseck)
10. Horn, Jakob (Rehbach)
11. Roth, Adam (Babenhausen)
12. Uhrig, Karl (Groß-Umstadt)

Das Durchschnittsalter lag beträchtlich über dem der in späteren Jahren und Jahrzehnten Aktivwerdenden. Die politischen Richtungen lassen sich weitgehend konservativen und liberalen Tendenzen zuordnen, da zumindest die Gründungsmitglieder aus dem Mittelstand stammten und fast durchweg vom Land kamen.
Wenn auch die Gründer des Mathematisch-Physikalischen Vereins offenbar sich nicht politisch profilieren wollten, denn sonst wären sie in entsprechende Korporationen eingetreten, so sind sie doch als Repräsentanten des damaligen Zeitgeistes zu sehen. Der Fortschrittsglaube war ein guter Nährboden für die zunehmende Aufwertung der Naturwissenschaften an den Schulen, wie die Gründung von Realschulen verschiedenster Art (Realschulen erster Ordnung, Oberrealschulen, Realgymnasien) zeigt. Das Studium der Mathematik und der Naturwissenschaften ließen die Zahl der Studenten an den Universitäten des Deutschen Reiches stetig ansteigen. Nicht zuletzt dadurch wurde die Errichtung von Technischen Hochschulen gefördert. Die Aufwertung der Naturwissenschaften war ein Vorbote des heraufkommenden technischen Zeitalters.

Gießen selbst war ein provinziell geprägtes Universitätsstädtchen mit etwa 30.000 Einwohnern. Handwerker und Bauern verkörperten ein mittelständiges Bürgertum, dem jegliches bourgeoise Gehabe fremd war. Die Häuser waren im Zuge der Gründerzeit meist im Wilhelminischen Stil und das Theater im Jugendstil erbaut worden. Das zunehmend herzlicher werdende Verhältnis zwischen Bürger und Student sowie die anheimelnde Atmosphäre Gießens trugen neben dem guten Ruf der Ludoviciana dazu bei, daß sich mit der Zeit in steigendem Maße Studierfreudige aus allen Teilen Deutschlands hier immatrikulierten. Den Studenten beurteilte man in erster Linie nach seinem Auftreten und nicht nach seinem wissenschaftlichen Niveau oder seiner geistigen Potenz, was gerade das Anliegen unserer Gründungsburschen, Philipp Kramer und Adam Keller war.
Die Organisation des Vereins
Den neugegründeten "Mathematisch-Physikalischen Verein" stellte man unter den Wahlspruch "Fortis ut palma florebit", wonach die Pflege der Wissenschaft und die Förderung geselliger Freundschaft gleichrangig im Vordergrund der Vereinstätigkeit stehen sollten. Dem damaligen Zeitgeist entsprechend nahm man das Maturitätsprinzip und die Verpflichtung zur unbedingten Satisfaktion in die Vereinssatzung auf. Da die Farben Blau-Weiß-Rot bereits für einen anderen Verein an der Universität registriert worden waren, wählte man unser "Blau-Weiß-Gold". Zwar legte man sich ein Wappen zu, doch auf Band und Mütze verzichtete man. Zipfel in den Vereinsfarben trug man erst einige Zeit später.
Erfolgreich war man in der Verbandspolitik, denn trotz massivem Widerstand des "Naturwissenschaftlichen Vereins Gießen" fand man im WS 87/88 Aufnahme in den "Verband mathematischer und naturwissenschaftlicher Vereine an deutschen Hochschulen." Damit war die Mitgliedschaft im "Verband Wissenschaftlicher Vereine" (VWV) fundamentiert worden. Zwangsläufig mußte das Vereinsleben ein stärker korporatives Gepräge erhalten. Unter dem Vorsitz von Foermes wurden im WS 88/89 durch Satzungs-, Geschäftsordnungs- und Bierkommentänderungen eine Straffung der Organisation vorgenommen. Die Beireitungen in den folgenden Semestern zeugen davon, wie konsequent man die Neuerungen durchsetzte. Vor allem wurde ab dieser Zeit die Teilnahme an der Fechtscheuer für alle Vereinsmitglieder verbindlich, damit man stets für leichte und schwere Forderungen vorbereitet war. Für Contrahagen und freiwillige Bestimmungsmensuren ließ man sich meist beim Corps "Teutonia" einpauken. Ab Juni 1989 trat mit Balser, Braun und Keller eine jährlich zu wählende AH-Kommission zusammen, wodurch der Verein noch stärker zur Korporation hin tendierte. Dieses Gremium wählte später unter sich Vorsitzer, Kassenwart und Beisitzer.

Das Vereinsleben
Die allwöchentlich stattfindende ordentliche Mitgliederversammlung war in einen geschäftlichen, wissenschaftlichen und gemütlichen Teil gegliedert. Welche Wertschätzung diese Abende fanden, zeigt sich besonders durch das Erscheinen zahlreicher Professoren und Dozenten der Mathematik und Physik, die nicht nur mitdiskutierten, sondern auch selbst referierten. Prof. Paschke wurde später zum Ehrenmitglied des Vereins ernannt.
Als unter Foermes der Verein organisatorisch gestrafft wurde, zielte man auf einen engeren Zusammenschluß der Mitglieder, indem man durch Ansetzen von getrennten Abenden den wissenschaftlichen Teil vom gesellig-gemütlichen trennte. Man versprach sich davon eine Stärkung des inneren Vereinslebens. Wie sich zeigen sollte, hatte man den richtigen Weg beschritten, um dem 2. Teil des Wahlspruches Inhalt und Leben zu verleihen.
Krise und Bewährung (1890 bis 1900)
Die Zahl der Mathematikstudenten an der Ludoviciana war stark zurückgegangen, so daß man doch aus diesem Grund handeln und im WS 89/90 das strenge Fachprinzip aufgeben mußte. In den Verein wurden auch Studenten aufgenommen, die nicht Mathematik und Physik studierten, doch Vorlesungen dieser beiden Fächer besuchten. Man schaffte eigene Möbel für die Kneipe an und ergänzte durch Stiftungen, wobei vor allem die Bibliothek mit einem großen Bücherschrank bedacht wurde. Sie wies den stolzen Bestand von über 700 Büchern auf und bildete die äußeren Voraussetzungen für den guten Ruf, den sich später der "Mathematisch-Naturwissenschaftliche Verein", also die 2. Stufe unseres Bundes, nicht nur in Gießener Universitätskreisen erwarb.
Damit sich der Verein wie die übrigen Korporationen vertreten lassen konnte, ließ ihm die AH-Schaft einen kompletten Wichs für die Chargierten überreichen. Weiterhin war es unumgänglich, eine Fahne und einen Paradespeer anzuschaffen, da der erste Vertreter des Vereins am Geburtstag des Großherzogs den Kommers der neun Gießener Korporationen - außer den drei Corps und den beiden Burschenschaften - zu leiten hatte. Gegen die sich ausschließenden Verbindungen hatte man sich unter maßgeblicher Beteiligung unseres Mathematisch-Physikalischen Vereins fast verschwörerisch zusammengeschlossen, um deren überzogene Ansprüche abzuwehren und Diskriminierungen aufgrund ihres Dünkelgehabes entgegenzutreten.

Unabhängig von z. T. hausgemachten Problemen der Korporationen untereinander muß es für die meisten, wenn man die Maßstäbe späterer Zeiten anlegt, eine unbeschwerte Zeit gewesen sein. Ohne Leistungsdruck von außen und ohne Numerus clausus oder Begrenzung der Studienzeit wurde trotzdem fleißig studiert. Nur wenige konnte es sich erlauben, "von Beruf Sohn" zu sein, um als Farbtupfer "ewiger Student" das Universitätsleben zu bereichern. Um die Jahrhundertwende prägten Geselligkeit, Wanderungen, persönliches Engagement im Verein, die spezielle Pflege eigener Interessen oder die Mitarbeit am Universitätsleben den Alltag eines Vereins- bzw. Verbindungsstudenten. Und mit dem steigenden Wohlstand des Deutschen Reiches wurde auch das Studentenleben aufwendiger. Man legte mehr Wert auf Äußeres und Etikette.
Als Mathematisch-Naturwissenschaftlicher Verein 1900-1912
Was man im WS 1889/90 stillschweigend vollzogen hatte, nämlich die Abkehr vom strengen Fachprinzip des Mathematisch-Physikalischen Vereins, wurde im SS 1899 auch verbalisiert und als Signal für weitere Studentenkreise kundgetan: Unsere Bundesbrüder benannten den Verein "Mathematisch-Naturwissenschaftlicher Verein".
Neben der Änderung des Wappens zur heutigen Form hin ist der neue und uns heute noch leitende Wahlspruch zu erwähnen: "Ernst in der Wissenschaft - Treu in der Freundschaft".
Im großen und ganzen bewegte man sich unter dem neuen Namen in den bisherigen Kategorien fort: Die Kontakte zu den Kartellverbänden an anderen Universitäten oder Hochschulen wurden gepflegt; die Ehrenhändel, Kontrahagen oder freiwilligen Partien spielten sich im gewohnten Milieu ab; den Couleurdamen widmete man die gebührende Aufmerksamkeit.
Neu waren die Ambitionen auf den Erwerb eines eigenen Heimes, hatte man doch dessen Wert für den vereinsinternen Bestand erkannt, nachdem man fast ein Jahrzehnt im Café Leib permanent residiert und sozusagen mit dem Besitzer in den Kaiserhof gewechselt hatte.
Die Mathematisch-Naturwissenschaftliche Verbindung 1912-1919
Mit der Abwendung vom Fachprinzip im WS 89/90 hatte die Entwicklung vom Verein zur Verbindung begonnen. Mit der Umbenennung des "Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Vereins" in "Mathematisch-Naturwissenschaftliche Verbindung" am 25. Nov. 1912 in Frankfurt/Main zog man die längst fällige Konsequenz. Diese Bezeichnung führte unser Bund bis 1919, als mit der Namensänderung in "Merovingia - Wissenschaftliche Verbindung im DWV" eine weitere Statusänderung erfolgte.
Mit einer eindrucksvollen Feier beging man am 01. Nov. 1913 die Einweihung des ersten eigenen Heimes unserer Verbindung. Die Erwartungen, die EAH Krausmüller damit verband, wurden durch den Krieg vorerst einmal radikal vereitelt. Der 1. Weltkrieg bestimmte vier Jahre lang alles Denken und Handeln, reduzierte das aktive Verbindungsleben auf gerade Notwendiges, um es nicht versiegen zu lassen.
Nicht das Deutsche Reich rief zu den Waffen, sondern das Vaterland. Und die vaterländische Begeisterung machte auch nicht vor unserem Bund halt. Insgesamt zogen 88 Bundesbrüder, darunter die gesamte Aktivitas, in den Krieg. Die Situation auf der Ludoviciana änderte sich schlagartig. Alle Verbindungen vereinbarten einmütig, daß während der Dauer des Krieges keine Ehrenhändel ausgetragen und keine öffentliche Feste gefeiert werden sollten.

Von Außenstehenden wird den Verbindungen - und damit auch unserer - unterstellt, die Aktiven zu nationalistischem Denken und Handeln verblendet zu haben. Wenn Aktive und AH AH sich spontan für den Kriegseinsatz meldeten, sich z.T. dazu drängten, so verhielt man sich nicht anders, wie man es von den Sollwerten der damaligen Gesellschaft bzw. vom allgemeinen Zeitgeist her erwartete und wie man in allen Bevölkerungsschichten reagierte. Selbst wenn man noch so kritisch und voreingenommen in unsere Festschrift zum 25jährigen schaut - und in ihr wird schließlich wirklichkeitstreu das Wesen des frühen Bundes unmanipuliert widergespiegelt -, so findet man keine Stelle, die auch nur annähernd für solche absurde Unterstellungen auswertbar wäre. Wenn aus den skizzierten Kreisen heraus selbst noch in jüngster Vergangenheit versucht wird, die Korporationsstudenten als Steigbügelhalter der NS-Machtergreifung abzustempeln, dann braucht sich unsere Merovingia diesen Stiefel nicht anzuziehen.

Der Begeisterung der 88 unter die Fahne eilenden Bundesbrüder folgte sehr bald die Ernüchterung durch die Kriegsrealität, wie wir sie z.B. von Erich Maria Remarques "Im Westen nichts Neues" her gar zu gut kennen. Schon nach wenigen Wochen erreichten Familien und Bund die ersten Todesnachrichten mit dem "Trost, daß unsere Bundesbrüder starben, auf daß Deutschland lebe! Was damals seitens der Verbindung geleistet werden konnte, erkannte der damalige AH-Vorsitzenden Georg Krausmüller, als er durch seine "Kriegsverbindungsberichte" nicht nur den 19 gefallenen Bundesbrüdern ein unvergängliches Denkmal schuf, sondern die betroffenen Familien und den Bund zu einer Großfamilie zusammenschweißte.
Letztendlich fühlte man sich gerade von Seiten dieser Bundesbrüder her angesprochen, über eine von der Realität aus sich anbahnende Änderung des Status der "Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Verbindung" nicht nur nachzudenken, sondern auf dem AH-Tag vom 21.10.1916 zu beschließen, die Bezeichnung des Bundes dahingehend zu ändern, um ohne Bindung an eine Fakultas allen Studenten der Ludoviciana die Tür zur Verbindung zu öffnen. Mit überwiegender Mehrheit entschied man sich für den Namen "Merovingia" gegen die ebenfalls vorgeschlagenen Umbenennungen in "Markaria" oder "Moenania".
Die allgemeine Lage nach Kriegsende 1918/19
Das plötzliche Kriegsende nach 1918 brachte einen ungeheueren Ansturm auf die Universitäten. Gießen bildete hier keine Ausnahme. Es wurde viel gearbeitet, insbesondere von den älteren Kriegsjahrgängen, die den Zeitverlust durch den Krieg - z.T. bis zu neun Semester - aufholen wollten. Die Gießener Korporationen verzeichneten eine Zulauf, der alle Erwartungen übertraf. Erstaunlich war, daß auch und gerade die Kriegsteilnehmer viel von ihrer karg bemessenen Zeit opferten, um unserem Bund zum Auftrieb zu verhelfen.
Zweifelsohne muß man hier die politische Situation zu Beginn der Weimarer Republik zur Erklärung mit heranziehen. Deutschland sei nicht vom Feind besiegt, sondern durch die Verräter - sprich Sozialisten - hinterrücks erdolcht worden, will uns die Dolchstoßlegende suggerieren. Der Versailler Vertrag erklärte das Deutsche Reich zum Alleinkriegsschuldigen. Kein feindlicher Soldat hatte im 1. Weltkrieg deutschen Boden betreten. Durch willkürliche, unnatürliche und z.T. bewußt falsche Grenzziehungen, wie z.B. durch die Curzonlinie im Osten; durch wirtschaftliche Sanktionen und später die Ruhrgebietsbesetzung als Abbild damaliger französischer Deutschfeindlichkeit, die bis zum Deutschenhaß eskalierte; durch manipulierte Abstimmungen in Ostpreußen um nur einiges an politischer Brisanz aufzuzeigen - wurden Voraussetzungen geschaffen, die immer wieder das nationale Ehrgefühl verletzten und herausforderten. Die bürgerlichen Eltern von jungen Keilfüxen sahen in den studentischen Verbindungen einen Hort der Pflege nationalen Gedankengutes. Durch bewußtes Mißinterpretieren dieser Situation gelang es später den Nationalsozialisten, den Hebel anzusetzen, um die Jugend für Ihre Ziele mißbrauchen zu können. Vorerst aber befaßte sich der überwiegend national gesinnte, meist aus konservativem Elternhaus stammende Student kaum mit politischen Vorgängen, zumal er durch die Vielfalt und den Wirrwarr von über 40 Parteien nicht gerade ermuntert wurde, sich über den Bund hinaus zu engagieren.
Neuer Geist - neuer Wille
Eine neue Bundesgeneration, im Kriegsgeschehen aufgewachsen, nach dem verlorenen Weltkrieg unter dem Zwang und Willen, neu aufzubauen, brachte innerhalb von zwei bis drei Jahren eine konkrete Wende im Bundesverständnis und ?leben mit dem festen Vorsatz, durch Eintritt in einen starken Dachverband sich innerlich und nach Außenhin zu festigen.
Die Voraussetzungen, den Bund zur echten Lebens- und Schicksalsgemeinschaft zu vervollkommnen, waren eng mit dem Fronterlebnis und Krausmüllers Bemühungen im innigen Zusammenhalt in Freud und Leid verbunden. In der Zeit der Bewährung, der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegszeit, trat kein einziges Verbindungsmitglied aus.
Der Gedanke der Neuformulierung war schon auf dem erwähnten AH-Tag vom Nov. 1916 zusammen mit dem Umbenennungsvorschlag von "Mathematisch-Naturwissenschaftlicher Verbindung" in "Merovingia" angegangen worden. Mit absoluter Mehrheit entschied man sich für den Namen "Merovingia" mit dem Zusatz "Wissenschaftliche Verbindung im D.W.V.".
Der Übergang vom Fachprinzip zur allgemeinen Korporation war ebenso bedeutsam wie die Betonung des Vaterländischen für die Entwicklung des Bundes zur Landsmannschaft mit Anschluß an den Coburger LC mit seinem Wahlspruch bzw. den Leitideen "Ehre - Freundschaft - Vaterland".
Die Weichenstellung für die Landsmannschaft
Die latente Frage, ob man nicht das Farbenprinzip einführen solle, war schon seit 1901 mehr oder weniger unterdrückt worden. Die Zukunft gehörte den couleurtragenden und nicht den schwarzen Verbindungen. Man wollte nicht mehr nur wissenschaftlich und gesellschaftlich einer Vereinigung angehören, man wollte sich zu seiner akademischen Lebensgemeinschaft auch öffentlich bekennen. Als die junge Merovingeraktivitas immer mehr die Konsequenz forderte, endlich durch das Einführen des Farbenprinzips den letzten Schritt zur eigentlichen Korporation zu tun, tauchte damit aber das Problem der Verbandszugehörigkeit zum grundsätzlich schwarzen D.W.V. auf.
Weiterhin wurde der Verbleib des Bundes in der Dachorganisation durch die kontroverse Haltung in der Waffenfrage infrage gestellt.
Merovingias Weg zur Deutschen Landsmannschaft war eine konsequente Entwicklung in der Frage der Verbandszugehörigkeit.
Der einzige Verband, der im wesentlichen den Vorstellungen der Aktivitas und der AH-Schaft entsprach, war der Coburger L.C. Sein Grundsatz lautete: "Ehre - Freundschaft - Vaterland." Er unterschied sich von den Leitideen unseres Coburger Conventes, des CC, durch die noch fehlende Leitidee der "Freiheit".
1921 - ein vielfältiges Entscheidungsjahr
Abgesehen vom Schicksalsjahr 1949, als der Bund nach 14jähriger Suspension wiedergegründet wurde, kumulierten niemals so viele Entscheidungen wie 1921:

1. Das Farbenprinzip und die Kontaktaufnahme mit dem Coburger L.C.
Mit überwältigender Mehrheit beschloß man auf dem AH-Tag im März 1921, daß ab dem folgenden Sommersemester Farben getragen werden sollten.

2. Veränderungen in der AH-Schaft

Ungünstiger gelagert war die Situation der früheren Verbandskorporation "Gothia". Die AH-Schaft wollte sich mit Merovingia verschmelzen. Der Bund seinerseits bot lediglich an, den AH AH den Eintritt zu gewähren, die bereit waren, sich seinen Bedingungen zu unterwerfen, die selbst wiederum von den Beitrittsverhandlungen mit dem Coburger L.C. abhängig waren.

3. Eigenes Haus und "Merovingergruß"

Der neue Geist, mit dem die Verbindung in die Umwandlung zur Landsmannschaft im Coburger L.C. ging, läßt sich zwar ganz richtig vom Fronterlebnis oder den Satzungsänderungen her erklären, doch tiefergehender verstehen kann man ihn erst, wenn man um die Bedeutung des ersten Heimes im eigenen Haus und eines regelmäßigen Bundesnachrichtenblattes Bescheid weiß.
Auch äußere Erwägungen spielten bei dem von Krausmüller initiierten Hauserwerb eine entscheidende Rolle: Zum einen wollte man angesichts der Aufnahme in den Coburger L.C. nicht hinter den beiden anderen Gießener Landsmannschaften, Darmstadtia und Chattia, zurückstehen, zum anderen zeigten die Tendenzen der Zeit, daß man auch die Bedeutung von Wohnräumen für die Studierenden richtig einschätzte.
Dem "Merovingergruß", wie man das ab Mai 1921 erscheinende Nachrichtenblatt benannte, waren die Semesterberichte der Vorkriegszeit und die Kriegsverbindungsberichte Krausmüllers vorausgegangen. Aufnahme in die Deutsche Landsmannschaft.

1922-1923
Zur schwierigsten Frage bei den Aufnahmeverhandlungen in den Coburger L.C., später in Deutsche Landsmannschaft (D.L.) umbenannt, gestaltete sich die mit dem Fechtprinzip untrennbar verbundene Bandfrage. Von der Seite des Fechtens her hatte man sich gut vorbereitet, obwohl das Fechtwesen in den ersten Semestern nach Kriegsende nicht mit dem Blick auf einen möglichen Beitritt in einen landsmannschaftlichen Dachverband hin betrieben wurde. Erst im SS 1921 schaffte man sich eigenes Waffenmaterial an, um die Voraussetzungen für den Eintritt in den Gießener Waffenring zu erfüllen und 15 Säbelpartien nachzukommen. Im Februar stieg für Merovingia auf der Wellersburg der erste Schlägerpauktag.
Inflation und Notzeit
Der ungebrochene Wille des Bundes zum Fortbestehen nach Kriegsende war angesichts der allgemeinen wirtschaftlichen Notlage und der Situation jedes einzelnen hoch zu bewerten. Die Mangelerscheinungen der Kriegsjahre setzen sich verstärkt fort. Für die Mark war immer weniger zu bekommen.
Aus dieser Lage heraus wurden Kneipen und Biertische immer mehr eingeschränkt, während andererseits sich die Aufwendungen für die D.L. erhöhten.
Nach dem dann doch realisierten Ankauf eines Hauses mußte das Geld für den Ausbau über sogenannte Bausteine und Stiftungen beschafft werden.
Wie bereits in der Satzungsänderung vorgesehen, wurde der Körperertüchtigung, sprich dem Sport, ein hoher Stellenwert eingeräumt.
Die jungen Merovinger machten sich durch ihre Aktivitäten im hochschulpolitischen Bereich und auf der Verbandsebene um das Ansehen des Bundes verdient.
Im örtlichen Waffenring hatte Merovingia 1929 die Leitung inne. Das Verhältnis zu den beiden anderen Landsmannschaften, Darmstadtia und Chattia, war naturgemäß eng und herzlich, hatten uns doch die Darmstädter Börner und Grote die Chatten Imhäuser als Gründungsburschen abgestellt.
Für die junge Landsmannschaft war der schon seit 1923 ins Auge gefaßte Eintritt in ein Kartell wichtig, um über die älteren und erfahreneren Mitglieder einen engeren Kontakt zum Verband zu gewinnen. Neben unserem Kontaktbund "Marchia"-Berlin gehörten noch "Vandalia"-Breslau, "Salia"-Bonn und "Borussia"-Münster (später "Rhenania") dem Ring an.
Beunruhigung von außen und politische Extremisierungen
Die junge Aktivitas kannte das Kaiserreich und die Zeit der Nachkriegswirren nur vom Hörensagen. Die Jahre zwischen 1923 bis 1928 hatte der Bund zur inneren und äußeren Festigung genutzt. Parallel zur erfolgversprechenden deutsch-französischen Annäherungs - und Aussöhnungspolitik Stresemanns und Briands wehte eine freiheitlichere Luft in Deutschland, kam es zu interessanten politischen Streitgesprächen von Format, erlebte man die Kulturblüte der sog. "Goldenen zwanziger Jahre" und registrierte einen schüchtern wachsenden Wohlstand, so daß man im nachhinein mit Fug und Recht von einer relativ glücklichen Zeit sprechen konnte. Da Merovingia nicht nur im Gefolge der politischen Haltung des D.L. stets dem Grundsatz der Unparteilichkeit nachging, wurde sie genauso urplötzlich wie im gleichen Geist denkende und handelnde Verbindungen vom Zeitgeschehen überrollt. Der Verschlechterung der Wirtschaft folgten Notverordnungen, um das Heer der Arbeitslosen zu mindern.
Die Schuld an der ganzen Entwicklung sah man von der NS-Seite her in den Reparationsfragen, den Scheinlösungen durch den Dawes- und den Youngplan sowie in den angeblichen Intrigen des internationalen Judentums, dem vor allen die Ächtung des Krieges durch den Kellogpakt zugeschrieben wurde. Diese weltweite Verschwörung des Westens mit dem Zionismus, um endgültig das Deutsche Reich zu eliminieren, wurde angeblich durch die flankierenden Maßnahmen an der deutschen Ostgrenze durch Haßtiraden und Ausschreitungen gegenüber allem Deutschtum ergänzt. Die stärkste Bedrohung lag jedoch laut NS-Ideologie im demokratisch-parlamentarischen System der Weimarer Republik; hier sah sie die Schuld für die zerstrittene und fast unüberschaubare Parteienlandschaft und einer Regierungsform, in der durch parteiische Extremisierung die Zersetzung des Volkes zwangsläufig vorgegeben war. Tatsache war jedoch: während die Linke den Internationalismus auf die roten Fahnen schrieb, steigerte sich die Rechte in zunehmendem Maße auf einen Chauvinismus hin, dessen "Leitwerte" naturgemäß im Wortfeldbereich der extremsten Negationen anzusiedeln sind. Planmäßig wurde die NSDAP weiter aufgebaut, wobei mitentscheidend für die D.L. war, daß Baldur von Schirach die Führung des Nationalsozialistichen Studentenbundes (NSDStB) übertragen wurde. Mit demagogischer Intoleranz verstand er es, die nach 1928 auftretenden Entwicklungen und Ereignisse so zu interpretieren, daß man inmitten der Unüberschaubarkeit von Parteiungen und des lächerlich anmutenden Tagesstreites über innenpolitische Banalitäten nur eine Chance hatte, dem geschichtlichen Auftrage des deutschen Volkes nachzukommen, indem man sich bedingungslos der neuen Bewegung verpflichtete.

Für Merovingia war - und hier verhielt man sich einfach zu abstinent - die Vorrangigkeit des Aktivseins vor politischer Betätigung immer noch außer Zweifel. Auch die D.L. unterschätzte aus ihrer parteipolitisch neutralen Haltung heraus die Eskalationsgefahr zunehmender Politisierung der deutschen Studentenschaft.
Das völkische Denken in den Landsmannschaften war auf Erhalt deutschen Kulturgutes hin ausgerichtet, nicht auf Diskriminierung anderer Völker und Rassen, auch wenn sich Ende der 20er/Anfang der 30er Jahre im deutschen Osten die Fronten total verhärtet hatten.
Das Fazit eines Rückblickes auf das Ende der 20er Jahre: Der Totalitätsanspruch der neuen Bewegung wurde z. T. nicht erkannt oder fatalerweise verkannt.
"Tempora mutantur et nos mutamur in illis" (Die Zeiten ändern sich und wir mit ihnen). Konnte man in der Zeit und in den Vorgängen selbst stehend das Unheil der NS-Zeit voraussehen - Wie hätte man vom Bund her entgegensteuern können - Diese und andere Fragen sollten rein rhetorische bleiben, wenn man nicht zerreden will, was wichtiger ist, nämlich im Wissen um Geschehenes Verantwortung für die Zukunft zu tragen.
Das Ende des aktiven Bundes
Beim Nachdenken über die letzten aktiven Semester der Landsmannschaft Merovingia, die wir leidvoll miterlebt haben, suchte ich in dem Buch, das seit dem 30. Januar 1933 für die deutsche Politik so maßgebend war, nach Stellen, die für unser Schicksal bedeutsam geworden sind. Ich fand folgenden Absatz in Adolf Hitlers "Mein Kampf": "damit ist die Bewegung aber antiparlamentarisch, und selbst ihre Beteiligung in einer parlamentarischen Institution kann nur den Sinn einer Tätigkeit zu deren Zertrümmerung besitzen, zur Beseitigung einer Einrichtung, in der wir eine der schwersten Verfallserscheinungen der Menschheit zu erblicken haben."
Aus diesen Sätzen geht ganz klar hervor, was nach 1933 mit den Parteien, Verbänden, Vereinen und zum Schluß auch mit den Korporationen geschehen ist. Die aktiven Gegner der NSDAP wurden schon bald nach der Machtergreifung verboten und aufgelöst: KPD, Gewerkschaften und SPD. Die Parteien, die noch für Hitlers Regierung und das Ermächtigungsgesetz gestimmt hatten, lösten sich selbst auf. 1934 kamen die Jugendverbände (evangelische, katholische und bündische) dran und wurden zwangsweise in die Hitlerjugend eingegliedert. Der "Stahlhelm", ein großer vaterländischer Soldatenbund, wurde in die SA eingegliedert. Ich als evangelischer Jugendführer hatte damals geglaubt, als die Hitlerjugend ihren Kampf gegen uns begann, daß es sich um lokale Übergriffe der unteren HJ?Führer handelte. Trotz unserer heftigen und entschlossenen Gegenwehr wurde durch einen Vertrag mit dem Reichsbischof Müller der gesamte evangelische Jugendverband mit 800.000 Mitgliedern in die Hitlerejugend überführt. Nach diesen für mich sehr betrüblichen Ereignissen wurde ich im Sommer 1934 bei Merovingia aktiv und nahm im Wintersemester das Studium auf.

Die jungen Aktiven fast aller Korporationen wohnten zur damaligen Zeit als Kameradschaften auf ihren Häusern, waren aber noch vollkommen selbständig. So verlebten wir das Wintersemester 1934 und das Sommersemester 1935 noch eigentlich ohne Politik auf unsrem Haus in Gießen. Wir hatten unsere normalen Fuxenstunden, unsere Fechtscheuern zweimal täglich, gemeinsames Essen, Pauktage, Kneipen, Sonn- und Feiertagswanderungen und hatten einen fabelhaften Zusammenhalt in der Aktivitas.
Im Sommersemester 1935 feierten wir unser 50jähriges Stiftungsfest. Zum letzten Male waren die Gießener Straßen im Schmucke unzähliger Korporationsfahnen. Keiner dachte damals daran, daß ein Semester später alles aus sein würde. Wir fuhren fröhlich in die Semesterferien und merkten bald in der Presse gezielte Angriffe gegen die Korporationen. Aufhänger war ein Heidelberger Corps, dessen Angehörige bei einem Spargelessen laut die Frage diskutiert hatten, ob der Führer auch kommentmäßig Spargel essen könne.
Die Forderungen des NSDStB waren mittlerweile ganz klar. Auflösung der Korporationen, das Vermögen wird an den NSDStB übergeben, die Altherrenschaft kann nur als Förderer der Kameradschaften und Einzelmitglieder dürfen nur ohne Einfluß auf irgendwelche Aktivitäten auftreten. Die ersten vier Semester müssen auf Kameradschaftshäusern des NSDStB verbracht werden. Wir hatten damals sieben junge begeisterte Füxe. Um sie nicht zu gefährden, mußten wir ihnen den Rat geben, zum NSDStB; zu gehen. Einer davon hat noch eine Säbelpartie auf Merovingerwaffen gegen den Studentenführer Frank ausgetragen.
Die Burschenschaften hatten mittlerweile ihre Korporationsfahnen auf der Wartburg bei Eisenach dem NSDStB übergeben. Wir lehnten diesen Weg ab, zogen die Selbstauflösung vor und verkauften unser Haus in der Wolfstraße. Ein Bundesbruder mit goldenem Hitlerjugend-Abzeichen (Willi Wedler) gab, als er auf Befehl sein Band niederlegen sollte, lieber das goldene HJ-Abzeichen, das damals sehr viel wert war, zurück und trägt heute noch sein blau-weiß-goldenes Band nach 100 Semestern!
Wir hatten im Januar und Februar 1936 zwei Pauktage im OLC auf der Wellersburg. Die letzten Partien auf Merovingerwaffen wurden 1937 auf dem Frankonenhaus in Gießen und dem Teutonenhaus in Frankfurt geschlagen. Bis zum Krieg trafen wir uns regelmäßig im "Hessischen Hof' und hielten dort auch unsere Weihnachtsfeier in Vollcouleur ab.
Unsere Alten Herren haben aus Sorge um die Zukunft von uns jungen Bundesbrüdem eher die Waffen niedergelegt als wir. An dem Schicksal der Korporationen änderte das nichts. Aber unser Protest damals war wesentlich gefährlicher als die Protestaktionen der Jugend im heutigen Staat!

Die Verbindung der Merovinger in der Vorkriegs- und Kriegszeit war durch einen heute nicht mehr vorstellbaren Brief- und Kartenwechsel sehr eng. Ich besitze noch viele Briefe und Karten von Bundesbrüdern, die alle mit herzlichen und treuen Merovingergrüßen beendet sind und nicht mit dem damals üblichen "deutschen Gruß" und "Heil Hitler". Auch der "Merovingergruß" erreichte uns an allen Fronten und brachte uns oft traurige Nachrichten über gefallene Bundesbrüder. Ein besonderes Erlebnis in Rußland: Auf dem Marsch sah ich plötzlich unter einem Stahlhelm ein mir bekanntes Merovinger Gesicht. Auf einen kurzen, heute nicht mehr üblichen Merovinger-Pfiff flog der Kopf des Kameraden (Joachim Körber) herum, und zwei Merovinger konnten sich einige Minuten freudig begrüßen.
Landsmannschaft Merovingia aufgelöst - H.L. Monnards schwerster Entschluß
Im Festbuch zum 50jährigen Jubiläum unseres Bundes ist zu lesen: "Nach der Führerwahl im Herbst 1933 wurde er (gemeint ist Monnard) Altherrenobmann. Durch Befehl des Führers der Deutschen Landsmannschaft vom 20. April 1934 wurde er zum Führer des gesamten Bundes ernannt, nachdem Manke wegen Arbeitsüberlastung seinen Posten zur Verfügung gestellt hatte."
Die Ereignisse im Spätherbst 1935 -wenige Monate nach dem so glänzend verlaufenden 50. Stiftungsfestes an Pfingsten d. J. - haben die schmerzlichsten Empfindungen in H. L. Monnard, einem überzeugten Korporations- und Waffenstudenten, hervorgerufen, wie aus den überlieferten schriftlichen Verlautbarungen jener Tage hervorgeht. Sein Brief vom 30. November 1935 an alle Bundesbrüder beginnt mit dem Satz: "Am 23. November d. J. habe ich die Landsmannschaft Merovingia aufgelöst."
Monnard schreibt u. a. in seinem Brief vom 30. Nov. 1935: "In der Zeit vom 18. - 23. d. M. reifte bei mir der Gedanke, daß eine Entscheidung unbedingt getroffen werden muß. Das eine stand bei mir fest, daß eine Kameradschaft Merovingia mit Chattia oder Darmstadtia als ausgeschlossen galt. Auch war ich mir darüber im klaren, daß mit einer Altkameradschaft (Förderkreis) im Sinne des NSDStB und Huths mit dem Bestand meines Alten Herrenverbandes wohl kaum zu rechnen war, denn im Augenblick der Überführung hätte eine große Anzahl der AH AH das Band niedergelegt."
Und an anderer Stelle: "Am 23. d. M. berief ich auf dem Haus den letzten für diese Sache benötigten Konvent, der von 26 Bundesbrüdern besucht war. Nach eingehender Aussprache trat der Konvent mit 24 Stimmen bei zwei Enthaltungen meinem Entschluß bei: Auflösung der aktiven Landsmannschaft unter gleichzeitiger Überführung der gesamten Aktivitas und Inaktivitas in den Verein Merovingerhaus." (Ergänzende Berichtigung: es waren 28 Bundesbrüder, wie aus dem von Werner Lotz gemachten Foto hervorgeht). Im Schlußabsatz heißt es:
"Somit endet die stolze Geschichte unserer Landsmannschaft. Wir haben aber das Bewußtsein .. und das Gefühl, bis zum letzten Atemzug als Merovinger für das blau-weiß-goldene Band gestritten und ehrenvoll die Tradition aufgegeben zu haben."
Phönix aus der Asche - die Wiedergründung des Bundes und das erste Jahrzehnt der Bewährung (1949 -1960)
"29.06.1949: Gründungskonvent zur Rekonstitution eines aktiven Bundes in Mainz mit dem Namen 'Wissenschaftliche Studentenvereinigung Merovingia' und den alten Merovingerfarben." Mit diesen Worten hält AH Schwind in der Zeittafel dieses Festbuches die Wiedergründung unseres Bundes nach über 14 Jahren Suspension der Aktivitas fest. Um das Ereignis von 1949 voll zu würdigen und uns nachfolgenden Merovingern die Augen - weg vom oberflächlichen Eindruck des rein faktisch Erwähnenswerten - zu öffnen, bedarf es des Zeilenkommentars, der mehr als eine Erklärung, sondern einen Beitrag zum Verstehen abgeben soll, was z. T. erst durch die nachfolgenden Perspektiven des Artikels geleistet werden kann.
Das Datum zeigt uns, daß die Wiedergründung bereits vor der Konstituierung der Bundesrepublik Deutschland stattfand. Wenn Rheinland-Pfalz schon am 30.08.46 als späteres Bundesland entstanden war, so unterstand es doch noch bis zum 26.09.49 der französischen Verwaltungs- und Besatzungsmacht.
Der Weg zur Wiedergründung
Unsere älteste und aktivste Ortsgruppe, die seit 1902 bestehende Darmstädter Gruppe, lud zum 05.09.1948 nach Darmstadt ins "Waldschlößchen" alle Merovinger ein, die man mit den Mitteln und Möglichkeiten der Nachkriegszeit erreichen konnte. 33 Bundesbrüder waren trotz der damals widrigen Bedingungen der Einladung gefolgt, gedachten der Toten und gelobten, deren Treue zum Bund zu ihrem Vermächtnis zu machen und Merovingia wieder neu entstehen zu lassen. Aufgrund der Bedeutung dieses Darmstädter Treffens sollen diese AH AH festgehalten werden: Ahlheim, Barth, W. Bergk, Blank, Dieterich, Burk 1, Dippel 1, Eckert, Feick, Glenz 11, Görlach, Hanack, Horn, Hornickel, J. Kabel, Kärcher, Kaiser, Kienbichl, Köberich, Knöß, Lauckhard, Lutz, Neef, Ritter, Roßmann, Schildwächter, Schneider, Schwind, K. Stephan, Walb, Walter 1, Zulauf 1. Nicht alle konnten zum Wiedergründungskonvent am 12.06.1949 in Darmstadt erscheinen. Sie hatten aber im vorhinein schon mitgeholfen, die Substanz der zukünftigen Merovingia detailliert zu umreißen und zu prägen.
Von Darmstadt aus waren zwar schon einige Aktivitäten ausgegangen, doch erst nach den Initiativen in Mainz wurde man vor die Alternative gestellt: Endgültige Entscheidung für Mainz oder Gießen als neuen Heimatort des Bundes! - AH Barth umriß die Lage in Gießen: Etliche der alten Bünde besaßen, im Gegensatz zu Merovingia, noch ihre z. T. erhaltenen Häuser und brauchten keine Nachwuchssorgen zu befürchten, zumal sich ihnen neu entstandene Vereinigungen anschlossen. Ein Zusammenarbeiten mit "Chattia" Gießen, dem Hausherren in der Zeit des Kameradschafthauses "Admiral Scheer", war an so viele Bedingungen geknüpft, daß unsere Verbindung vollkommen ihre Identität verloren hätte, was sich z. B. nur rein äußerlich an der Übernahme des Chattenbandes anstelle unseres "blau-weiß-goldenen" Bandes aufzeigen läßt. Die etwa 30 in und um Gießen wohnenden Bundesbrüder waren in Bezug auf die Zukunft der Ludoviciana pessimistisch eingestellt, auch wenn man noch Freitische für die "Füxe" organisierte. Für Mainz berichtete AH Dippell 1 von festen Erfolgen, denn es war der AH-Schaft unter Hauptinitiative von AH Traxel 1 und AH Körber gelungen, einige Studenten aktiv zu machen. Dabei wurde betont, daß die Zielsetzung sowohl in Pflege nationalen als auch europäischen Gedankengutes gehe. Von vornherein wurde es in Fortsetzung alter Merovingerprinzipien abgelehnt, sich parteipolitisch zu binden.
So recht wollten sich die Versammelten im Darmstädter "Waldschlößchen" noch nicht mit der Mainzer Alternativlösung anfreunden. Konsequenter ging man in Zwingenberg mit Beteiligung von 26 AH AH vor, als mit dem einzigen Tagespunkt "die weitere Gestaltung des Bundeslebens" bis auf Messers Schneide debattiert und schließlich auch, so können die damaligen Teilnehmer sagen, für ein Jahrzehnt wegweisend andiskutiert wurde. All diese Überlegungen machten es AHE Traxel nicht leicht, dem Auftrag nachzukommen, den Aufbau einer neuen Aktivitas an der Mainzer "Johannes-Gutenberg-Universität" aufzubauen, zumal neue Wege gefunden werden sollten bzw. mußten, der völlig neuen Studentengeneration von ihren berechtigten Ansprüchen sowie ihrem neuen Daseins? und Seinsverständnis her gerecht zu werden, ohne aus einer absoluten Sucht des Überlebens um des Überlebens willen des Bundes nichtzuvereinbarende Kompromisse zu schließen.
Gründungskonvent des aktiven Bundes im Juni 1949 und die ersten Semester in Mainz
Der zu kurzfristigen Einladungen zum Gründungskonvent des aktiven Bundes am 29. Juni 1949 im Mainzer Hotel "Neubrunnenhof" konnten lediglich 10 AH AH Folge leisten: Blank, W. Bergk, Höhn, W. Kabel, Körber, Peters, Rupp, L. Schorlemmer, W. Schorlemmer und E. Traxel. Offiziell wurde der Aktivitas die Bezeichnung "Wissenschaftliche Studentenvereinigung Merovingia" gegeben und Mainz als endgültiger Sitz unserer Verbindung bestätigt, nachdem AH Traxel und AH Körber die zur damaligen Zeit bestmöglichen Voraussetzungen durch Rückfragen bei Behörden, Keilarbeit oder Organisierung eines Heimes geschaffen hatten.
Um das Bundesleben ordnungsgemäß anlaufen zu lassen, wurden die AH AH E. Traxel, Körber und W. Bergk reaktiviert und in dieser Reihenfolge als Chargen für das SS 1949 gewählt. AH Traxel übernahm unter Mitarbeit von AH Schlamp (Cimbria Göttingen et Merovingia) vorerst auch das Fuxmajorat.
Da im SS 49 die Aktivitas - ohne die vier reaktivierten AH AH mitzuzählen auf 18 junge Merovinger angewachsen war, konnte man bereits aus ihren Reihen die Chargen für das WS 1949/50 wählen. Vorrangig war vorerst, unter dem Namen "Wissenschaftliche Studentenvereinigung Merovingia" Seiner Manifizenz, dem Rektor der Johannes - Gutenberg - Universität, dem Mainzer Oberbürgermeister und der französischen Besatzungsbehörde die Satzungen zur Vereinigungsgenehmigung vorzulegen. Mit den positiven Antworten war das letzte Hindernis für Mainz als neue Heimat unserer Merovingia überwunden worden.
Den Universitätsanfängern z. Z. der Wiedergründung des Bundes und zu Beginn der 50er Jahre zeigte sich Mainz immer noch von seiner ausgebombten Seite her, was als Folge große Wohnungsnot nach sich zog. Diese wurde noch verstärkt durch die alliierte Besatzungsmacht ? zuerst die Amerikaner, dann die Franzosen - und die Erhebung der Stadt zur Landeshauptstadt von Rheinland - Pfalz, was ein Ansiedeln vieler Behörden und damit wiederum Raumbedarf bedeutete. Im Gegensatz zur Gießener Bevölkerung (nach dem 1. Weltkrieg) mußten sich die Mainzer jetzt zuerst einmal an die Studenten gewöhnen. Beziehungen zwischen Studierenden und Einwohnerschaft gab es hier nicht. Sie bahnten sich mit dem als fröhlich und offen geltenden rheinischen Menschenschlag nur zögernd an. Vielleicht machte auch in den Anfangsjahren Mainz trotz seiner Erhebung zur Landeshauptstadt des künstlichen Landesgebildes Rheinland-Pfalz und trotz der Wiederaufnahme des Universitätsbetriebes nach genau 150 Jahren auf viele Studenten einen provinziellen und spießbürgerlichen Eindruck. Ihr besonderes Prestige erwarb sich die Stadt weniger in ihrer Eigenschaft als eine aus allen Nähten platzende Landeshauptstadt mit einem Anstieg der Bevölkerungszahl von damals etwa 90.000 auf heute fast 200.000 Einwohner als vielmehr durch das international beliebte Fastnachtstreiben, das ZDF mit seinen - selbst weltweit gesehen - gigantischen Anlagen, die Universität mit in der Bundesrepublik führenden Instituten oder den USC als einen der wegweisenden Sportvereine Westdeutschlands. Wenn der Vergleich auch sehr strapaziert wird, für Mainz trifft das Beispiel vom Phönix aus der Asche wie auf kaum eine andere deutsche Stadt zu.
Hochschulreform und Bundesleben
In dem "Gutachten zur Hochschulreform 1948" (Zitate beziehen sich auf diese Ausgabe) wird festgestellt, daß der Prozentsatz der aus dem unteren Mittelstand stammenden Studierenden seit Beginn der Weimarer Republik steil angestiegen ist. Im Verhältnis dazu ist der Anteil der aus der "Arbeiterklasse" kommenden Studenten sehr gering. Fazit: Der Aufstieg aus Arbeiterkreisen in die akademischen Kreise beansprucht meistens zwei Generationen, um das Mißtrauen der Arbeiterschaft gegenüber der Universität zu überwinden. Für Merovingia war es schon immer eine entscheidende Einsicht, daß der Zugang zum höheren Studium nicht von der finanziellen Lage des einzelnen oder vom Herkommen abhängig sein darf. "Die Wiederbegründung der Studienstiftung des deutschen Volkes" forderte - ganz richtig - Leistung und Charakter des einzelnen als maßgebliche Kriterien der Förderung in den Vordergrund zu stellen. Doch leider waren die Maßstäbe nicht am Bedürfnis der damaligen Generation orientiert, wie uns das bewußt überlange Zitat des vorhergehenden Artikels einprägen soll. Die "Generation ohne Väter", wie uns der angesprochene Appell verdeutlicht, brauchte mehr als nur heterostereotype Leitbilder oder unserer sich etablierenden Leistungsgesellschaft mit ihren Lieblingsbegriffen "Wiederaufbau" und "Wohlstand". Wohin sich dieses Denken entwickelte, zeigten nicht zuletzt die Auswirkungen Ende der 60er Jahre, als eine total neue Generation bis hin zur Selbstverneinung gegen das Establishment der Nachkriegsgesellschaft aufstand! Nicht zu Unrecht aufstand! Aber zu Unrecht das gesamte Korporationswesen für die herrschenden Verhältnisse mit verantwortlich machte!

Fragen wir uns einmal selbst wieweit unsere Merovingia sich zu einem mea culpa auf solche Anwürfe hin bekennen muß, dann ist zuerst einmal zwischen äußerem und innerem Aufbau zu differenzieren: daß sich Verbindungen von der Groborientierung her ähneln, ist klar; daß sich Landsmannschaften und Turnerschaften um der Durchsetzbarkeit ihrer gemeinsamen Zielsetzungen willen einem Dachverband unterstellen, ist trotz Einschränkung sinnvoll; daß der Bund einen gewissen äußeren festen Rahmen, um die Alltagsgeschäfte führen zu können, voraussetzen muß, ist notwendig, um Freiräume für das inhaltlich?Wesentliche zu schaffen. Sehr oft waren es gerade die jüngeren Bundesbürder, die aus falsch verstandener Selbsteinschätzung heraus das Formale - wie später das Fechten - als das allein Befriedigende in den Vordergrund stellten und damit weder dem Bund noch sich selbst dienten. Mancher Aktive oder Inaktive ist an solch falsch verstandenen Barrieren gescheitert oder konnte erst durch eine zwischenmenschliche Aussprache eine andere Sicht vom Anliegen der Verbindung gewinnen. Und gerade diese Bundesbrüder verkörpern im nachhinein das, was den Gutachtern zur Hochschulreform als Einsicht versagt blieb, nämlich den Menschen in einer gebundenen Gemeinschaft menschlicher zu machen. Menschliche Qualität darf nie nur als Kumulation meßbarer Quantitäten verstanden werden. In Zirkeln, Kreisen, Grüppchen oder Interessengemeinschaften aller Art zu operieren, wie es der Hochschulleitung fatalerweise vorschwebte, genügt nicht, um Werte zu erfassen, die über das Situative hinausgehen.Selbst materiell Erscheinendes, wie der Besitz eines Verbindungshauses, kann mehr als nur eine vordergründige Rolle spielen. Mit dem Wort "Merovingerhaus" verbindet sich für jeden einzelnen von uns eine Vielfalt von je und je verschiedenen Vorstellungen. Es ist mit das wichtigste Organ des Bundeslebens, wenn man so sagen darf: es ist Mittelpunkt der Kommunikation.
Wiederaufgreifen des Fechtprinzips und Eintritt in den CC (Coburger Convent)
Die Diskussion über das Fechtprinzip als Wesensbestandteil unserer Verbindung zeigte im Anfangsstadium nach der Wiedergründung weder bei der AH-Schaft noch bei der Aktivitas eine einhellige Meinung. Vielleicht war es der bereits oben zitierte Grundtenor der Aktivenmeinung, der diese zugunsten der Mensur beeinflußte. Nicht nur in den Anfangsjahren nach Wiedereinführen der Bestimmungsmensur und Mitbegründung des Mainzer Waffenringes wurde bewußt der Charakter des Sportfechtens diffamiert, wie z. B. mit Worten wie "lebensgefährlich", "Zweikampf mit tödlichen Waffen" oder "Duell". Auf die Vorsichts- und Sicherheitsmaßnahmen, die bei der Sportmensur getroffen werden, ging man nicht ein.
Nachdem man um die Bereitschaft zum Fechten Bescheid wußte, wurde das Verhältnis zum Coburger L.C., später und bis heute CC (Coburger Convent, Dachverband aller Landsmannschaften und Turnerschaften), für verbindlich erklärt, ohne allerdings die Verbandsfrage zu beantworten, da die Lösung von oben her erwartet wurde.
Dank der Erfahrung und Unterstützung von AH Körber als Sekundant, AH Runkel als Unparteiischer und EAH Traxel als Paukarzt lief für Merovingia der Fechtbetrieb schon nach kurzer Anlaufzeit so optimal, dass bereits im WS 1952/53 die 75. Partie gefochten wurde. Die hohe Zahl resultiert auch daher, dass Merovingia - unter Bedenken etlicher Bundesbrüder über den Coburger Beschluß hinausgehend - nicht zwei, sondern vier Pflichtpartien zur Inaktivierung festgelegt hatte.
Neues Haus - eine neue Generation bahnt sich an
Nach den Gründungssemestern folgte die Zeit der Bewährung, wobei sich mit dem SS 1955 in Mainz-Zahlbach, den Veränderungen der Studentenschaft im Wesen und Auftreten sowie mit der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung der Bundesrepublik sich zwangsläufig auch Auswirkungen auf das Bundesleben einstellten. Vielleicht wurde das Verbindungsleben zu hektisch intensiviert.
Zu Beginn der Zahlbacher Zeit waren die Korporationen ein äußerlich gefestigter Bestandteil der Johannes-Gutenberg-Universität, auch wenn das Vollcouleurtragen verboten war. Zipfel und CC-Nadel wurden nach wie vor toleriert. Bei unserem Bund selbst stand zunächst einmal das Praktische des ureigensten Lebensbereiches im Vordergrund, das Zusammenfinden auf dem neuen Merovingerhaus in Zahlbach, das mit vier Zimmern fünf bis sieben Merovingern eine schmucke und preiswerte Unterkunft bot. Da die meisten Aktiven und Inaktiven, die nicht hier wohnten, sich aber fast überwiegend in der Nähe eine Bude gesucht hatten, wurde unser Heim zum Mittelpunkt jeglichen Verbindungslebens, worunter nicht nur die offiziellen und offiziösen Veranstaltungen zu sehen sind. Wer sich nicht gerade nach Ruhe und Entspannung sehnte, fand auf dem Haus stets die richtigen Ansprechpartner. Selbst die in Mainz studierenden auswärtigen Verbandsbrüder waren voll integriert.
Das letzte Vierteljahrhundert - von den jüngsten AH-Vorsitzenden unseres Bundes geprägt
Ein neues Kapital Merovingia begann mit dem 79. Stiftungsfest im SS 1964. Nach langen Jahren des Hoffen, Bangen und des Überwindens letzter Hindernisse zog der aktive Bund in ein neues Haus in der Wallstraße Nr. 74 ein."Wir alle hoffen, daß mit dem neuen Haus wirklich ein neuer Geist in unsere Reihen ziehen möge. Ein Geist, von dem oft nur in Reden und Schriften zu hören ist, der aber in der Wirklichkeit unseres Bundeslebens oft fehlt oder hier und da nur in Ansätzen vorhanden ist. Wir verneigen uns in Dankbarkeit vor unseren AH AH für die Erstellung dieses unseres neuen Heimes. Die Hauseinweihung an unserem heutigen 79. Stiftungsfest macht offenbar, daß sich die Freundschaft unserer AH AH untereinander bewährt hat. Diese Freundschaft haben sie großzügig an uns weitergegeben. Hoffen wir, daß dieses unser neues Haus die materielle Grundlage dafür bietet, unseren Bund über Generationen hinweg zusammenzuhalten." So sprach der damalige Erstchargierte Eberhard Müller.
Das Stiftungsfest anläßlich der Hauseinweihung selbst fand in der Öffentlichkeit eine große Resonanz. So waren auf diesem Festkommers neben vielen unseren AH AH, den jüngeren Bundesbrüdern auch viele Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens erschienen. Der Erstchargierte konnte als Ehrengäste den Kanzler der Universität, den Standortkommandanten der Bundeswehr Mainz/Wiesbaden sowie Vertreter des CC, unsere Freundschaftsbünde und die örtliche Presse begrüßen. Das Echo in der Presse über unser neues Haus, über die Geschichte unseres Bundes und die Ziele unseres zukünftigen Bundeslebens sowie Artikel in den entsprechenden Tageszeitungen waren groß.

Neben der eigenen Konsolidierung des Bundes galt eine besondere Aufmerksamkeit dem Freundschaftsverhältnis zu unseren Freundschaftsbünden "Marchia"?Berlin und "Salia" Bonn. Das Freundschaftsverhältnis mit Marchia hatte auf breiter Ebene in beiden Bünden ein großes Echo gefunden und war in der Tat herzlich und freundschaftlich. So beschloß der Märker-AH-Tag im Sommersemester 1965 in Berlin, daß jeder Märker - wenn er es möchte - , das Merovinger-Band aufnehmen kann.
Die Aktivitas machte in dieser Zeit die größten Anstrengungen, ihre neu in den Bund aufgenommenen Füxe zu integrieren und das Bundesleben auf dem neuen Haus neu zu gestalten. So wurde ein gemeinsames wöchentliches Abendessen zur ständigen Einrichtung.

Das 80. Stiftungsfest im Sommersemester 1965 war wohl ein erster Höhepunkt auf dem neuen Hause, denn die Kommerse und fast alle Veranstaltungen wurden nunmehr hier abgehalten. Die Öffentlichkeit war damals wie heute nicht gerade besonders einer schlagenden Korporation gegenüber freundlich gesonnen. So waren die ständigen Angriffe seitens der Studentenschaft bestimmter politischer Prägung (SDS etc.) und der mit ihr sympathisierenden Presse nicht unerheblich. Diese Angriffe von außen führten zwar zu einer Verstärkung unserer Gemeinschaft, bedeuteten aber intern immer wieder Diskussionen über das Fechten und über das Farbentragen.

Insbesondere trat Merovingia in dieser Zeit wegen ihres starken und regen Fechtbetriebes innerhalb der Mainzer Korporationen hervor. Das Verhältnis zu Hercynia und zum Corps Hassia waren hervorragend. Gemeinsame Kneipen und eine sogenannte Gießener Kneipe rundeten dieses Bild ab.
Man verabredete regelmäßige Diskussionsabende, Informationsgespräche über politische und hochschulpolitische Themen und gab jedem Semester ein Thema, das in diesem Sinne behandelt werden sollte. So stritt man innerhalb der Aktivitas auch heftig über die Aufgabe der Korporationen in der Bildungsarbeit. Der Begriff korporative Neugestaltung machte die Runde und führte in den kommenden Semestern zu entsprechenden Aktivitäten. Klar war man sich darüber, die guten Traditionen zu erhalten und zu pflegen und andere kritisch zu beleuchten.
Für uns als Korporation bedeutende Entscheidungen
1. Das Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes, daß studentische Verbindungen Farben tragen und Mensuren schlagen dürfen. Dazu einen Auszug aus der "Frankfurter Neuen Presse":

Studenten dürfen Mensuren schlagen
Auch Farben tragen erlaubt / Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts
Berlin, 11. November (dpa). Das Bundesverwaltungsgericht hat durch ein am Freitag verkündetes Urteil höchstrichterlich entschieden, daß studentische Verbindungen Farben tragen und Mensuren schlagen dürfen und daß sie gegenüber anderen Verbindungen an den Universitäten deshalb nicht benachteiligt werden dürfen. Voraussetzung ist nach dem Urteil, daß die Verbindungen sich zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik bekennen.
Durch die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichtes wird die Universität Frankfurt verpflichtet, die Alte Prager Landsmannschaft "Hercynia" im Coburger Convent (CC) in das Register der anerkannten Verbindungen einzutragen. Die Weigerung der Universität, die Landsmannschaft einzutragen, hatte zu dem Verwaltungsstreit geführt. Nur die in das Register übernommenen Verbindungen erhalten von der Universität gewisse Vergünstigungen wie die Benutzung der "Schwarzen Bretter" und der Hörsäle.
Wie sich aus der mündlichen Verhandlung ergab, führen auch andere Universitäten Register der anerkannten studentischen Verbindungen. Die Universität Frankfurt hatte die anerkennende Registrierung der früher in Prag beheimateten Korporation mit der Begründung abgelehnt, das Mensurenschlagen sei nicht mehr zeitgemäß. Sie hatte beanstandet, daß in der Satzung der Korporation weder das Farbentragen auf geschlossene Räume beschränkt, noch das Mensurenschlagen verboten sei. (Aktenzeichen: VII C 103/65)
Die Geschichte des deutschsprachigen Studententums
Der Begriff Studententum umfasst sowohl den Studenten als Individuum wie als Typ, die Studentenschaft als Gesamtkorporation unter rechtlichem Blickwinkel wie auch das Studentenwesen als Äußerungsform einschließlich des studentischen Brauchtums. Die Entwicklung des studentischen Selbstverständnisses ist von den Anfängen bis heute eng mit dem der Universität verbunden, paßte sich gleichzeitig nach Form und Inhalt aber immer wieder dem veränderten gesellschaftspolitischen Rahmen an.
Entstehung im Mittelalter
Im 11. und 12. Jahrhundert entstanden die ersten Universitäten in Bologna und Paris. Das christliche Gemeinsamkeitsbewußtsein öffnete sie für jedermann. Die Unterrichtssprache war überall das Lateinische. Regelungen gab es anfangs wenige, und die Studenten lebten vielfach sehr unstet (Vakanten). Gleichzeitig war das Studium ein abenteuerliches und nicht selten gefährliches Unternehmen, welches jahrelange Abwesenheit von der Heimat mit sich brachte und auch sonst mancherlei Risiken beinhaltete. Die Studenten schlossen sich daher am Universitätsort zu Schutzbünden auf landsmannschaftlicher Grundlage zusammen (nationes). Diese waren Ausdruck gleicher Standeszugehörigkeit, denn die an der Universität Lehrenden und Lernenden bildeten einen eigenen Stand, der zunächst weitgehend Klerikale Züge trug. Die Nationen waren zugleich universitätsamtliche Einrichtungen und übten großen Einfluß auf die Universität aus, bis bin zur Wahl des Rektors.

In Bologna war die Struktur der nationes am kompliziertesten. Sämtliche Studenten waren zunächst in Ultramontane und Cismontane, das heißt einerseits in Italiener und andererseits Ausländer aus den Ländern nördlich der Alpen, geteilt. Innerhalb dieser beiden Großgruppen bildeten sich dann die nationes, unter denen die deutsche eine besondere Stellung einnahm. In Paris gab es dagegen insgesamt nur vier Nationes, aus deren Einteilung die damals herrschenden Volksbegriffe deutlich werden: die natio Normannorum die natio Picardorum, die natio Gallicorum und die natio Anglicorum, zu der neben sämtlichen Ost- und Nordeuropäern die Deutschen zählten. Sie erhielt später den Namen einer natio Germanicorum.

Dieses Pariser Modell wurde nur noch Fär die deutschen Universitäten in Prag, Wien, Leipzig und Frankfurt an der Oder übernommen, denn die universitätsamtliche Einrichtung der natio war um diese Zeit in Paris schon im Verfall begriffen und wurde durch die Fakultäten ersetzt. Dort hatten die Kollegien der Doktoren, die die Fähigkeit (facultas, Fakultät) zur Vergabe der akademischen Grade besaßen, stärkeres Gewicht als die Nationen. Aus diesem Grunde war die Mitwirkung der Studenten an der Hochschulverwaltung deutlich geringer als in Italien. In Leipzig bestanden die nationes zumindest auf dem Papier am längsten: Sie wurden erst 1830 aufgelöst.

Der Wegfall der Nationen an den späteren deutschen Universitäten ließ den Studenten den Schutz und die Hilfe einer Genossenschaft verlieren. Hauptsächlich nach französischem Vorbild - die Sorbonne war ursprünglich ein Wohnheim - entstanden nun als der Universität zuzuordnende soziale Einrichtungen Bursen, in die alle Studenten einziehen mußten, gleichzeitig vermittelten die Bursen elementare Kenntnisse für das Studium an der Universität, nahm also Aufgaben heutiger höherer Schulen war.
Das Leben in den Bursen, die unter der Aufsicht eines Magister regens (regierender Magister) oder eines rector bursae, dem Wohn- und Kostgeld zu zahlen war, oder manchmal auch eines bakkalaureus standen, war streng und an den Regeln geistlicher Orden orientiert. Den meist geistlichen bursarii, daher die spätere Bezeichnung Bursch, wurde der Tagesablauf genau vorgeschrieben. Der eigentliche Hochschulbetrieb dagegen war noch ziemlich ungeregelt; die Veranstaltungen fanden in öffentlichen Gebäuden, Kirchen oder den Wohnungen der Professoren statt. Der Mittelpunkt im Leben des spätmittelalterlichen Studenten war daher das Bursenhaus.

Während in Frankreich lange Zeit und in England diese Bursen bis heute in Form von Kollegien erhalten blieben und die organisatorische Grundlage des Studiums bilden, war dies in Deutschland nicht der Fall. Ihre straffe Disziplin erzeugte eine Gegenbewegung, die sich darin äußerte, dass Ausschweifungen in und Streit zwischen den Bursen Oberhand nahmen. Dies zeigt sich in der Deposition, einem rohen Aufnahmezeremoniell. Ein Teil der Scholaren beugte sich diesem Zwang nicht und versuchte, den Lebensunterhalt als fahrender Schüler zu verdienen. Diese im 15. und 16. Jahrhundert auftretenden Bacchanten konnten aber das Ziel größerer Freiheit und Sicherheit des Lebens der Studenten und womöglich das einer Mitwirkung an der Gestaltung der Hochschule bei ihrer Ablehnung jeglicher Bindung für das gesamte Studententum nicht ernsthaft zu verwirklichen hoffen.
Reformation und Gegenreformation
Die Bursen in Deutschland verfielen infolge ihrer Erstarrung mit dem Aufkommen des Humanismus. Letztlich aber gingen sie als Teil des Mittelalters unter, zumal die Reformation das bis dahin geschlossene Hochschulsystem sprengte. Es begann die später viel besungene Zeit der "Burschenfreiheit".

Die nun entstehenden freien Zusammenschlüsse von Studenten nannte man "Neue Nationen", Nationalkollegien oder später (ältere) Landsmannschaften. Sie bildeten sich aus Landsleuten wie die alten Nationen, waren aber keine universitätsoffizielle Einrichtung mehr, sondern sich selbst verwaltende, kleine Gemeinschaften zum Schutz und zur Hilfe wie auch zur Interessenvertretung gegenüber der Professorenschaft. Der Student hatte nun wieder einen Freiraum; er lebte, manchmal in einem Latenten Gegensatz mit und neben der Universität, aber nicht als verantwortlich Handelnder innerhalb der Universität. Die alten Landsmannschaften fügten dem alten Zweck gegenseitigen Schutzes und der Hilfe unter Landsleuten das neue Ziel der Erziehung ihrer Mitglieder hinzu. Die nun dem Studio anstehenden Tugenden waren Ehrbarkeit und Bescheidenheit.

In den Nationalkollegien und Landsmannschaften sind noch viele Merkmale der mittelalterlichen Genossenschaft, aber auch schon viele Merkmale einer modernen Verbindung erkennbar. Ihre Mitglieder halfen sich gegenseitig und traten regelmäßig zu einem Convent (Legislative, Judikative) zusammen, um ihre Angelegenheiten zu besprechen. Ein gewählter Senior (Älterer) war ihr ausführendes Organ (Exekutive). Die Senioren eines Universitätsortes bildeten einen Seniorenconvent, der ähnliche Aufgaben hatte wie ein AStA heute. Weiterhin gab es eine eigene Schlichtung von Streitigkeiten, es gab Burschen und Füxe. Die Burschen, auch Agierer oder Schoristen, waren Vollmitglieder, Füxe bzw. Pennale dagegen nur vorläufige Mitglieder. Die Zweiteilung lehnte sich an damals übliche Regelungen wie zünftige Systeme der Handwerker bzw. das Noviziat der Orden an. Das Territorialprinzip wurde streng eingehalten, d. h. die Landsmannschaften rekrutierten sich nur aus bestimmten Ländern oder Landesteilen.
Vor und im Dreißigjährigen Kriege begann das Tragen von Waffen, Trachten und (Landes-)Farben. Weitgehend durch den Sittenverfall des 30jährigen Krieges verursacht und damit die ursprünglichen Ziele der Verbundenheit, der Moral und Würde, der Freundschaft und Wohlfahrt vergessend, kam es zu einem wüsten Sichausleben (Renommismus) und Schikanieren der Füxe (Pennalimus) durch die älteren Studenten. Der Neuling musste nicht nur Schmutzarbeiten für die "bemoosten Häupter" verrichten, sondern mit seinem ganzen Eigentum zu Diensten stehen. Um 1650 wurde daher zur Steuerung der Auswüchse der erste Comment erstellt, der das studentische Leben genauer regelte.

Diese boten vorerst jedoch einen guten Vorfand für den aufstrebenden Territorialstaat, gegen die Landsmannschaften, die sich nicht in das neue etatistische Denken einfügten, vorzugehen. Die Bedeutung der Landsmannschaften nahm daraufhin zwar stark ab, aber der äußere Druck führte zu einem Inneren Wandel. Meist innerhalb einer Landsmannschaft bildeten sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts engere Gemeinschaften, die Kränzchen, heraus, bei denen außer der landsmannschaftlichen Zugehörigkeit die persönliche Bindung wesentliche Bedeutung erhielt.
Aufklärung und Restauration
Neben den Kränzchen entstanden, ebenfalls innerhalb der Landsmannschaften, nach freimaurerischem Vorbild die Orden, die den Charakter von Geheimbünden hatten und ein für Außenstehende unverständliches Brauchtum übten. Sie führten die Reform noch weiter: Bei gleichzeitigem Zurückdrängen des Landsmannschaftsprinzips setzten sie sich nicht nur einen wirklichen Freundesbund zum Ziel, sondern einen Lebensbund, so dass die Zugehörigkeit nicht mehr mit dem Studienabschluss endete, einen Bund mit Prinzipien wie Freundschaft, Ehre, Treue, gegenseitiger Achtung und Unterordnung unter die Gemeinschaft. Man redete sich nun mit "Bruder" an. Grade, Zirkel, Chargenzeichen, Riten und Ordenszeichen, später Wappen, wurden in Anlehnung an die Freimaurer eingekehrt. Landmannschaften, Kränzchen und Orden lebten nebeneinander, überlagerten sich oder waren auch verfeindet.
Die Orden übten zunächst einen sehr guten Einfluss auf das Verbindungswesen insgesamt aus. Entscheidend für ihren Fortbestand wurde aber ihre Hinwendung zum Gedankengut der politischen Aufklärung und der Französischen Revolution. Damit entstand ein unüberbrückbarer Gegensatz zu den Landsmannschaften. Unklar wie die formalen Verhältnisse der Verbindungen um diese Zeit sind auch die Verhältnisse zwischen Studenten und Gesellschaft. Von der Wende vom 18. bis zum 19. Jahrhundert wird aber auch von vielen Auswüchsen berichtet, gegen die Behörden, besonders die evangelischen Reichsstände, in schärfster Weise vorgingen. Obwohl gemäß Reichstagsbeschluss von 1793 in den meisten deutschen Staaten die Verbindungen verboten wurden, gelang es nicht, sie auszurotten. Die Orden fielen jedoch den staatlichen Unterdrückungsmaßnahmen vollständig zum Opfer, der letzte 1812 in Wittenberg. Sie prägten jedoch das studentische Vereinigungswesen für die nachfolgende Zeit maßgeblich. Seit dieser Zeit haben alle studentischen Vereinigungen, die sich als Verbindungen bezeichnen, folgende Gemeinsamkeiten:
1. Brüderlichkeit und Treue,
2, Freiheit und Ehre,
3. Abwendung vom behoben Zweck- und Nützlichkeitsdenken,
4. Bewährung in sittlicher, geistiger und körperlicher Hinsicht,
5. Erziehung zur Persönlichkeit und Gemeinschaft,
6. Bewahrung einer eigenen Lebensform und eines Brauchtums.

Die Entwicklung von Universität und Studententum im katholischen süddeutschen Raum war seit der Reformation eigene Wege gegangen. Parallel bzw. im Unterschied zu der in Mitteldeutschland bestehenden landsmannschaftlichen Organisationsweisen entstand hier mit den von den Jesuiten gegründeten Marianischen Kongregationen ein eng mit der Kirche verbundenes, zwar nicht eigenständiges, aber genauso lebendiges Studententum wie in den protestantischen Gebieten.
Mit dem Untergang der Orden entstanden aus den alten Landsmannschaften, in berußter Ablehnung der politisierten Orden, die unpolitischen (reformierten) Landsmannschaften, die zunächst wohl gerade deswegen im Windschatten der staatlichen Repressionsmaßnahmen blieben. Obwohl der Name "Corps" schon 1810 in Heidelberg zum ersten Mal auftaucht, wurde die Bezeichnung Landsmannschaft vielfach noch bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts beibehalten. In Anlehnung an die Vorstellungen der Studentenorden entstand nun der Typ eines Freundesbundes, der alle späteren studentischen Zusammenschlüsse prägend beeinflußte. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts betonten die Corps wieder ihre alte, nunmehr als aristokratisch empfundene Linie, die gekennzeichnet war durch Ablehnung konfessioneller und parteipolitischer Bestrebungen, Hochhalten des Comments, Tragen von Farben, Mensur, Conventsprinzip, Leitung durch Chargen und Lebensbundprinzip.

Einen gänzlich neuen Anstoß erhielt die Entwicklung des Verbindungswesens infolge der Umwälzung durch die der napoleonische Fremdherrschaft, die unzählige alte Strukturen im Reichsgebiet beseitigte. Unter dem Eindruck der Freiheitskriege vereinigten sich 1815 die Jenaer Landsmannschaften zur Burschenschaft, die sich schnell über alle deutschen Universitäten ausbreitete. Diese sogenannte Urburschenschaft, die sich schon äußerlich durch ihre einheitliche Organisation von den Landsmannschaften bzw. Corps absetzte, wollte die Gesamtheit aller Studenten umfassen, was heute einer "Deutschen Studentenschaft" entsprechen würde. Sie sagte den alten studentischen Sitten den Kampf an und bekannte sich zu christlich-vaterländischen Idealen.
Das Wartburgfest 1817 führte zur Gründung der Allgemeinen Deutschen Burschenschaft mit den gemeinsamen, einheitlichen Farben Schwarz-rot-gold. Viele Studenten dachten von jetzt an politisch, patriotisch und demokratisch. Innerhalb der Burschenschaft trat jedoch schnell eine Radikalisierung der vaterländischen Ideen ein, die den deutschen Staaten nicht gleichgültig bleiben konnte. Anlaß zum Einschreiten wurde die Ermordung des Dichters Kotzebue durch den Burschenschafter Sand im Jahre 1819. Noch vor Ende des Jahres verbot der Bundestag infolge der Karlsbader Beschlüsse die Burschenschaft, die in der Folge geheim weiterbestand. Sämtliche andere Verbindungen, wenn auch minder stark, wurden ebenfalls Ziel der Demagogenverfolgung. Auch jetzt gelang es nicht, die Verbindungen zu beseitigen, bis die Märzrevolution von 1848 im Gebiet des Deutschen Bundes mit Ausnahme der habsburgischen Länder die Koalitionsfreiheit brachte.
Die Zeit von 1845 bis 1918
Abgesehen von einer nur kurzen Phase der Gemeinsamkeit während des Revolutionsjahres 1MS, begann nach der Revolution innerhalb der Studentenschaft ein beschleunigter Prozeß der Aufsplitterung. Es treten weitere bestimmende Merkmale studentischer Verbindungen hinzu: Vaterland, Religion, Musik, Sport, Kunst, Wissenschaft.
Die Corps an den Universitäten gründeten 1848 den Kösener Senioren-Convents-Verband, die an den Technischen Hochschulen 1863 den Weinheimer Senioren-Convent. Die Burschenschaften hatten den Gedanken der Einheit der Studentenschaft aufgegeben, sich im Brauchtum der bisher von den Corps getragenen Überlieferung angenähert und erstrebten nun eine konstitutionelle Monarchie mit dem Ziel der deutschen Einigung; erst 1881 gelang den Burschenschaften an den Universitäten die Gründung eines Dachverbandes (Allgemeiner Delegierten-Convent) und des Rüdesheimer Senioren-Conventes für die Technischen Hochschulen im Jahr 1900.

Die kurz vor der Mitte des 19. Jahrhunderts entstehenden neuen Landsmannschaften lehnten die aristokratische Linie der Corps zugunsten einer Reformlinie ab, die den Gedanken der Gleichberechtigung aller honorigen Studenten betonte. 1868 gründeten sie den Allgemeinen Deutschen Landsmannschafter-Convent, später Coburger Landsmannschafter-Convent bzw. die Deutsche Landsmannschaft.
Der politisch radikale Progreß, der aus der burschenschaftlichen Bewegung heraustrat und, schärfer noch als die Urburschenschaft, jegliche studentische Sonderart beseitigen wollte, hatte infolge seiner extremistisch Einstellung nur kurze Zeit Bestand. Die Progreßverbindungen gingen zwar schon nach einem Jahrzehnt wieder unter, aber zu einem Teil trafen in ihre Fußstapfen die von Halle ausgehende christliche (nicht konfessionelle) Wingolfbewegung und die von München und Bonn ausgehende katholische Verbindungsbewegung die mit dem Duell zumindest einen Teil des traditionellen studentischen Brauchtums ablehnten. Während aber die Progreßbewegung Liberale Züge trug, waren die konfessionellen und ungebundenen christlichen Bewegungen schon wieder eine Reaktion auf den Liberalismus.
Die alten Privilegien der Kirche im öffentlichen Leben waren durch die Trennung von Kirche und Staat infolge der Säkularisation 1802/03 weitgehend beseitigt. Zu erneutem Streit zwischen Katholischer Kirche und (preußischem) Staat kam es in der Frage der Mischehe in dem sogenannten Kölner Kirchenstreit, der zur Inhaftierung des Kölner Erzbischofs Clemens August von Droste-Vischering von 1837 bis 1M2 führte. Zivilehe und staatliche Schulaufsicht wurden im Kulturkampf nach 1871 eingeführt.
Solche Ereignisse führten zu einer religiösen Gegenbewegung in weiten Kreisen der Gläubigen. Da die Burschenschaft nach ihrer anfänglich scharfen Frontstellung gegen die Corps sich diesen angenähert hatte und der in der Urburschenschaft noch lebendige starke christliche Geist verflacht war, gab es keine christlich ausgerichteten studentischen Zusammenschlüsse mehr. Angesichts der liberalen, d. h. latent kirchenfeindlichen Politik fast aller deutscher Staaten stellte sich aber die Notwendigkeit eines Zusammenschlusses.
Zunächst wurde 1830 in Erlangen die Uttenruthia gegründet. 1844 entstand dann in Halle der überkonfessionelle Wingolf. Nachdem in der Schweiz schon seit 1819 der überkonfessionelle Zofinger Verein bestanden hatte, aus dem 1841 der katholische Schweizerische Studentenverein (SchwStV) hervorging, wurde auf katholischer Seite in Deutschland die Ausstellung des heiligen Rockes 1844 in Trier zum auslösenden Ereignis für eine entsprechende Entwicklung. Sieben Studenten gründeten im November 1844 in Bonn den katholischen Studentenverein Bavaria, der seit 1847 Farben trug.

Auf Anregung von Bavaria entstanden noch fünf andere katholische Vereinigungen in Bonn: Burgundia, Romania, Ruhrania (daraus ist 1855 der UV hervorgegangen), Salia und Thuringia. Alle sechs Studentenvereine legten Farben an, um in aller Öffentlichkeit die Grundsätze als katholische Studentenverbindungen zu bekennen; sie vereinigten sich zur Union, deren rot-weiß-rotes Band sie neben dem ihren trugen. Die Union diente der "Förderung der Wahrheit im Erkennen und Leben" durch wissenschaftlichen und geselligen Verkehr und dem Erstreben öffentlicher Redefertigkeit. Die Union löste sich zwar wieder auf, aber zwischen 1863 entstanden die drei großen katholischen Verbände; Verband der wissenschaftlichen katholischen Studentenvereine Unitas (UV), Kartellverband katholischer deutscher Studentenvereine (KV) und Cartellverband der katholischen Studentenverbindungen(CV).
Seit der Mitte der 19. Jahrhunderts bildeten sich weiterhin Vereinigungen mit Sonderbestrebungen, die sich in der Form auf die von den Corps verteidigte, geschichtlich gewachsene Form der Verbindung hin entwickelten. Hierzu zählen die Turnerschaften (Gründung des Vertreter Convents 1872), die akademischen Turnverbindungen (Gründung des Akademischen Turnbunds 1883), die Sängerschaften (Gründung der späteren Deutschen Sängerschaft 1896), die Sängerverbindungen (Gründung des Sondershäuser Verbandes 1867) sowie die wissenschaftlichen und künstlerischen Vereine aller Art, die sich zu verschiedenen Fachkartellen zusammenschlossen, die sich später vielfach im Deutschen Wissenschafler- Verband zusammenfanden.
Eine weitere Auffächerung des studentischen Vereinswesens brachten die nach 1881 entstehenden christlich-nationalen und antisemitischen Vereine Deutscher Studenten. Zu ihnen bildete sich eine Gegenbewegung in den Freien Wissenschaftlichen Vereinigungen und den Jüdischen Verbindungen.

Eine abermalige Herausforderung für das überkommene Korporationsstudententum stellte das Aufkommen der Freien Studentenschaft dar, die jedoch nur von der Jahrhundertwende bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg Bestand hatte. Die nach 1900 entstandenen Freischaren lehnten das überkommene studentische Brauchtum zunächst ebenfalls ab, näherten sich ihm aber als Gildenschaften nach 1918 wieder an. Seit der Jahrhundertwende entstanden mit der Freigabe des Studiums zunehmend auch Studentinnenvereine. Seit dem späten 19. Jahrhundert entwickelte sich außerdem sehr schnell das Korporationswesen an den anderen Hochschulen vornehmlich die Ingenieurkorporationen.
Die Größe Vielfalt innerhalb des Korporationswesens führte zu einer stärkerer Betonung des Formalen, zu wachsenden Divergenzen, Egoismen und Rivalitäten, die manchmal in offene Feindschaft und tätliche Auseinandersetzungen umschlugen. Dennoch war der von der Urburschenschaft zuerst formulierte Gedanke der Einheit des deutschen Studententums nicht tot. Das noch vor dem Ersten Weltkrieg von den Corps, Burschenschaften, Landsmannschaften und Turnerschaften abgeschlossene Marburger Abkommen zur Vermeidung von Streitigkeiten brachte dies zum Ausdruck.
Die Republik von Weimar
Die schon vor dem Kriege erkennbare Einigungstendenz wurde durch das Kriegserlebnis der Studenten und die für alle bedrückende wirtschaftliche und politische Lage nach 1918 erheblich verstärkt. Es begann nun ein umfassender Einigungsprozeß innerhalb der unterschiedlich organisierten Studentenschaft, der 1919 zur Gründung der Deutschen Studentenschaft (DSt) führte. Obwohl die alten korporativen Zusammenschlüsse nicht in dieser neuen Einheit aufgingen, so war das Ziel der Urburschenschaft nach rund 100 Jahren doch im wesentlichen verwirklicht, wenn auch dem aufmerksamen Beobachter nicht verborgen blieb, dass Keime des Zerfalls in der Neuschöpfung vorhanden waren, die vorerst noch durch äußeren Druck am Aufschlagen gehindert wurden.
Die Tätigkeit der DSt war besonders erfolgreich auf sozialem Gebiet. 1921 wurden die Wirtschaftshilfe der deutschen Studentenschaft (ab 1929: Deutsches Studentenwerk) und 1925 die Studienstiftung des deutschen Volkes gegründet. Alle diese neuen Einheitsorganisationen der Studenten wurden meist von Staat und Universität freiwillig als Rechtskörper anerkannt, so dass sich seit sehr langer Zeit wieder ein Ansatz für eine studentische Mitverantwortung ergab.

Entgegen der Erwartung vieler erfolgte nach dem Ersten Weltkrieg ein erneuter Aufschwung des Verbindungswesens. Es entstanden nun Wehrschaften, Fliegerschaften, Sportschaften, kulturell-politische Hochschutringe Deutscher Art (HDA), aber auch als erneute Gegenbewegung die sogenannten neustudentischen Vereinigungen (Bund Neudeutschland, Quickborn), Hochschulgruppen der politischen Parteien und der Wehrverbände (Stahlhelm-Studentenring Langemarck). Die schlagenden Verbände fanden sich in Fortsetzung des Marburger Abkommens im Allgemeines Deutschen Waffenring (ADW) zusamrnen und fast alle Verbände schlossen 1921 das Erlanger Verbände- und Ehrenabkommen (EVA, EEA); die jüdischen fehlten.
Für Österreich ging die Entwicklung bis zum Ersten Weltkrieg ähnliche, aber innerhalb übergreifender Verbände eigenständige Wege, um sich nach Auflösung der Donau-Monarchie sehr stark an die deutschen Strukturen anzulehnen. Bei aller äußeren Angleichung war jedoch nicht zu verkennen, dass die deutschösterreichischen Studentenvereinigungen mehr politisiert waren als die reichsdeutschen. Besonders die völkische Richtung war sehr stark.

Die schweizerischen Verbindungen, die sich infolge einer schnellen und fast geschlossenen Übernahme des corpsstudentischen Brauchtums im frühen 19. Jahrhundert gebildet hatten waren von Anfang an stark nach politischen Kategorien ausgerichtet und entwickelten sich noch vor den deutschen zu Verbänden bzw. Zentralverbindungen mit örtlichen Sektionen. Trotz vieler Parallelen zu den Verhältnissen in Deutschland und Österreich war diese Eigenständigkeit nie zu verkennen.
Die Entwicklung der Verbindungen im Baltikum und Osteuropa war ebenfalls von der deutschen initiiert, entwickelte aber auch eigene Ausprägungen besonders dort, wo die deutsche Volkstumsgrenze überschritten wurde.
Die hochschulpolitischen Gruppen stellten ein neues Element dar, wenn eine mehr oder weniger starke Politikbezogenheit seit der Urburschenschaft nicht unbekannt war. Die Handlungsgrundlage der neuen Hochschulpolitischen Gruppen war jedoch das Programm einer Partei, und die Hochschule war nicht mehr Basis, sondern Objekt ihres Handelns.
Trotz aller Verheißungsvollen Anfänge nach dem Ersten Weltkrieg wurde nur vorübergehend ein Konsens mit der staatlichen Kultusverwaltung, besonders dem preußischen Kultusminister, gefunden. Es kam schließlich zur Entfremdung und zum Bruch zwischen den meisten deutschen Staaten und der Deutschen Studentenschaft, da diese ihren großdeutschen Standpunkt, d. h. die Gemeinschaft mit den österreichischen Studenten auch unter Inkaufnahme der völkisch-antisemitischen Ausrichtung der nichtstaatlichen österreichischen Studentenschaften nicht aufgeben wollte. Eine Gegenorganisation zur DSt, der sich die preußisch-staatlichen Forderungen zu eigen machte, blieb ohne nennenswerten Erfolg.
In dem Spannungsfeld Staat - Studentenschaft gewann der Nationalsozialismus an Boden. Durchsetzen konnte er sich schließlich dank der Uneinigkeit der Verbände, die den Totalitätsanspruch des Nationalsozialismus nicht erkannten. 1932, ein Jahr vor dem Scheitern des Weimarer Parteiensystems, übernahm der 1925 gegründete Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund (NSDStB) innerhalb der DSt die Führung.
Das Nationalsozialistische System
Die Zeit von 1933 bis 1945 ist durch das Bestreben des seit 1933 nationalsozialistisch beherrschten Staates gekennzeichnet, wie überall, so auch in der Hochschule und im studentischen Bereich eine Gleichschaltung mit Hilfe des Führerprinzips durchzuführen. Die nunmehr nationalsozialistisch gebührte DSt wurde umgehend wieder staatlich anerkannt und, soweit noch nicht geschehen, gleichgeschaltet. Entsprechendes geschah mit den anderen Einrichtungen wie dem Deutschen Studentenwerk.
Auch bei den Verbindungen wurden die nunmehrigen Verbandsführer nicht mehr durch Convente gewählt, sondern vom Führer der DSt, einer formal staatlichen Einrichtung, ernannt. Die Verbindungen wurden außerdem "arisiert", die jüdischen und paritätischen Verbände verboten, dass konfessionelle Prinzip beseitigt und sämtliche Verbände schließlich am 2. Januar 1934 dem Reichsführer der DSt unterstellt. Die 1935 gebildete Gemeinschaft studentischer Verbände (GSIV) schien den schien den Vertretern derjenigen Auffassung recht zu geben, die eine Koexistenz der alten Strukturen mit dem Nationalsozialismus für möglich hielten. Sie war in Wirklichkeit aber nur der Endpunkt korporations-studentischer Handlungsfähigkeit. Durch verschiedene Maßnahmen, darunter besonders das Abschneiden des personellen Nachschubs, war die Schlinge schließlich so weit zugezogen, dass die aktiven Verbände 1935/36 aus Sympathie oder Gegnerschaft zum Dritten Reich sich selbst auflösten, zwangsweise aufgelöst wurden oder zu geringen Teilen wenige Jahre weiterbestehen konnten. Ab 1936 beherrschte der NSDStB das Feld. Letzte aktive Verbände verschwanden 1938. Teile der waffenstudentischen Verbände konnten nach etlichem Hin und Her etwa seit 1940 langsam ihre Identität unter dem Deckmantel einer Kameradschaft im NSDStB zurückgewinnen. Der Versuch einer Verbandswiedergründung des KSCV am 11. Juni I 944 auf der Rudelsburg legt Zeugnis vom wiedererstarkten Bekenntnis zum Korporationsstudententum in seiner althergebrachten Foren ab,
Wenn es auch Unmut und Widerstand gab, so gelang es doch, die Studentenschaft insgesamt während der NS-Zeit mit Hilfe einer geschickten Politik seitens der Reichsstudentenführung ruhig zu halten.
Das Studententum seit dem Zweiten Weltkrieg
Nach 1945 schlossen sich die Studentenverbände zunächst auf der Ebene der Besatzungszonen zusammen. 1949 wurde der Verband Deutscher Studentenschaften gegründet, ohne dass die Studentenschaften der sowjetischen Zone daran teilnahmen. lm gleichen Jahre erfolgte der offene Bruch. In der russischen Zone wurden Hochschulen und Studentenschaft zunehmend nach marxistisch-leninistischen Grundsätzen gelenkt. Beschränkungen der Lehrfreiheit, weltanschauliche Schulung und Vertretung der Studenten unter der alleinigen Führung der Freien Deutschen Jugend (FDJ) waren das Ergebnis. Die österreichischen Studentenschaften konnten oft 1945 ihre Arbeit wieder aufnehmen, da der Status Österreichs dem Deutschlands trotz alliierter Besetzung nicht entsprach. Die organisatorische Einheit mit den deutschen Verbänden löste sich zwangsläufig.

Nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges trat trotz zeitweise heftiger Gegenmaßnahmen der Besatzungsmächte, staatlicher Stellen, politischer Hochschulgruppen und Hochschulleitungen eine abermalige Erholung des Verbindungswesens ein, aber die inneren Kräfte waren vielfach Gebrochen, zumal die weit überwiegend national, aber nur zum kleinen Teil nationalsozialistisch eingestellten Verbindungen, teils berechtigt, teils unberechtigt, pauschal der geistigen Mittäterschaft am Unrecht und Zusammenbruch Deutschlands bezichtigt wurden.
In Deutschland kam es mit der Gründung des Convents Deutscher Akademikerverbände (CDA) im Jahre 1950 und des Convents Deutscher Korporationsverbände (CDK) 1951 zwar zur Bildung von Dachverbänden, aber die katholischen Verbände blieben abseits, und die politischen Hochschulgruppen, die sich scharf von den Korporationsverbänden distanzierten, stellten im Unterschied zur Weimarer Republik nunmehr einen starken Faktor in der hochschulpolitischen Landschaft dar.
Im Vergleich zur Zeit zwischen den Kriegen griffen die ihrem Wesen nach parteipolitisch zurückhaltenden Korporationsverbände nur zögernd in die Hochschulpolitik ein und stellten nach Beginn der Studentenunruhen (Studentenbewegung) Mitte der sechziger Jahre keine Alternative zu den politischen Hochschulgruppen mehr dar, die seit 1945 weitgehend und nach 1968 nahezu vollkommen das Geschehen an den Hochschulen bestimmten.

Das Jahr 1968 stellte nur den Scheitelpunkt einer umfassenden äußerlichen und geistigen Umschichtung nach dem Zweiten Weltkriege dar. Die Studenten betrachteten, nicht zuletzt wegen der Ausdünnung von Traditionen, auf Grund ihrer explosionsartig gestiegenen Zahl und auch durch die Ausweitung des Begriffes Student die Hochschule meist nicht mehr als bestimmend für Leben und Arbeiten. Sie wurde zu einem Dienstleistungsbetrieb in der Industriegesellschaft, der eine Ausbildung anbietet. Die Tätigkeit außerhalb der Hochschule und der starke Einfluß einer nicht mehr spezifisch studentischen neuen Jugendkultur haben zu einer stärkeren Einbindung In die Gesamtbevölkerung geführt, bis hin zu einer "Verkleinbürgerlichung" mit "mit tendenziellem Arbeitnehmerverhalten". Möglicherweise ist damit einer der letzten Bereiche genossenschaftlich-autonomen Verhaltens mittelalterlich-frühneuzeitlichen Ursprungs verschwunden.
Nicht übersehen werden sollte bei der Entwicklung der Nachkriegszeit, dass ein größerer Anteil der Studenten als zuvor in keiner Weise mehr organisiert ist.

Die stürmische Expansion des Einfliusses der politischen Hochschulgruppen, die zahlenmäßig immer erstaunlich klein waren, stagnierte im Laufe der 70er Jahre und zeigt an manchen Stellen starken Wandel bis hin zu Auflösungserscheinungen. Das traditionelle Verbindungswesen, das an der zahlenmäßigen Ausweitung der Studentenschaft keinen Anteil hatte, hat sich seither stabilisiert. Obwohl sich die klassischen Studentenverbindungen während der: Studentenunruhen als wenig beweglich und insgesamt als politisch handlungsunfähig gezeigt haben, können sie möglicherweise für den Studenten in der Massenuniversität wieder attraktiv werden, da sie eine nur wenig den Zeitströmungen unterworfene Ausrichtung haben und damit ruhende Pole darstellen. Ob sie noch einmal handelnd in die hochschulpolitischen Geschehnisse eingreifen können, bleibt offen.

Andererseits sind die Studenten seit der Hochschulreform in den siebziger fahren nach vielen Jahrhunderten wieder als Handelnde in den noch teilautonomen Rechtskörper Universität aufgenommen. Nach verantwortlicher Teilhabe in den Nationen des Hochmittelalters, der relativen Entmündigung in den Bursen des Spätmittelalters, der Interessenvertretung der frühneuzeitlichen Landsmannschaften und der ideell bestimmten Haltung der Korporationen im 19. und 20. Jahrhundert ist die Studentenschaft entsprechend den Plänen Humboldts nun endlich mitverantwortlich für das Schicksal der Universität und Hochschule. Es wird entscheidend sein, ob sie neben ihren neuen Rechten auch die Pflichten bejaht, ob ihre Wanderung zwischen Gebundenheit und Freiheit an einer für sie selbst wie die Hochschule vertretbaren Stelle zur Ruhe kommt.
Deutsche Demokratische Republik (DDR)
Mit der deutschen Teilung und der Vertreibung der Ostdeutschen wurde die Tradition der deutschen Hochschulen wie in Breslau und Prag völlig unterbrochen und in der DDR ein Neuanfang unter kommunstischem Vorzeichen erzwungen. Neben neuen Studienfächern wie Marxismus-Leninismus und der Errichtung einer eigene Parteihochschule wurden die Hochschulen der DDR zur Erziehung einer sozialistischen Elite eingesetzt.

Die alleinige Vertretung der Studenten übernahm nunmehr die FDJ, die, 1946 gegründet, die einzige zugelassene Jugendorganisation der DDR wurde. Zentral gelenkt vom Amt für Jugendfragen beim Ministerrat der DDR, erfaßte sie nahezu alle jugendlichen ab dem 14. Lebensjahr. An den 53 Hochschulen und Universitäten der DDR war die FDJ bis 1989 mit Sitz und Stimme in den Hochschulgremien vertreten und hatte seit 1974 sogar die Möglichkeit, an der Auswahl und Zulassung von Studenten zum Studium mitzuentscheiden. Diese Position konnte die FDJ im Rahmen von drei Hochschulreformen in der vierzigjährigen Geschichte der DDR schrittweise ausbauen. 1949 waren bereits rund 50% der Studenten Mitglied in Hochschulgruppen der FDJ die weiter in Fakultätsgruppen und Semesterweise in Zehnergruppen untergliedert waren. In diesen Kleingruppen war damit ein Mitläufertum weitgehend ausgeschaltet. Die "FDJ-Aktiven" sollten als "kollektive Lerngemeinschaften" den Stoff in politisch richtigen Sinne erarbeiten. Wenn auch seit den sechziger fahren der Kontakt zu den Studenten offensichtlich teilweise verloren ging und sich in einzelnen FDJ-Gruppen sogar Tendenzen hin zu traditionellen Formen studentischen Lebens entwickelten, war die Stellung der FDJ doch unantastbar. Die starke staatliche Planung im Bereich der Hochschule garantierte vor allem den Mitgliedern in der FDJ einen sicheren späteren Arbeitsplatz. Das wissenschaftliche Niveau und die finanzielle Ausstattung der Hochschulforschung waren bis auf bestimmte Prestigebereiche unzulänglich.

Seit 1985 wurde jedoch der Widerspruch gegen Partei und Verweigerung individueller Freiräume immer stärker, was zu immer neuen Maßregelungen führte. Ende 1989 brach das überlebte System in sich zusammen. Noch vor der Wiedervereinigung wurden Forderungen nach Hochschulautonomie, Freiheit der Lehre und Forschung, Wiedereinführung von Fakultäten und Demokratisierung der Entscheidungsebenen gestellt. Die marxistischen Studiengänge wurden abgeschafft, das Jurastudium mußte völlig neu aufgebaut werden, gesellschaftswissenschaftliche Fächer gab es zum Teil überhaupt nicht. Das Schlagwort von der "Abwicklung" der Hochschulen wurde zum Ausdruck für die Überprüfung aller Lehrenden auf ihre sozialistische Vergangenheit.
Neben der FDJ gab es nur Nischen im Bereich der kirchlichen Hochschulgemeinden. Hier hielten sich sogar korporative Strukturen und Formen studentischer Geselligkeit. In Greifswald, Leipzig, Jena und Ulmenau entwickelten sich aus der Katholischen Studentengemeinde katholische Verbindungen. Aber auch in der FDJ gab es Bestrebungen, durch die Aneignung des burschenschaftlichen Erbes korporative Traditionen wieder zu beleben. Die 170. Wiederkehr des Wartburgfestes 1987 wurde der Anlaß für eine Feier der FDJ mit korporationsstudentischen Formelementen, zu der auch ein Liederbuch mit zahlreichen alten Studentenliedern erschien.

Aber auch im Verborgenen wurden seid 1960 eigenständige studentische Korporatioenen gegründet. So existierten 1989 ca. 20 verbindungsähnliche Organisationen auf dem Gebiet der DDR, die von staatlicher Seite widerwillig geduldet und überwacht wurden. Das erste offizielle Treffen der Vertreter verschiedener studentischer Verbindungen aus Dresden, Erfurt, Freiberg, Halle, Jena, Leipzig und Magdeburg fand 1986 statt. Daraus entwickelte sich die Rudelsburger Allianz, ein Zusammenschluß völlig unterschiedlich orientierter Studentenverbindungen. Nach der Wende setzte dann ein reger Kontakt mit Verbindungen in der Bundesrepublik ein, der rasch zu einer Orientierung über und Beitritt zu verschiedenen Dachverbänden führte. Darüber hinaus gelangt es insbesondere schlagenden Verbänden, etliche vertagte oder verlegte Verbindungen am ehemaligen Ursprungsort neu zu gründen.

Geschichte der Universitäten
Entwicklung der Colleges und Universitäten
Universitäten im heutigen Sinn entwickelten sich im Europa des Mittelalters. Jedoch gab es schon im Altertum im Nahen und Fernen Osten sowie in Europa bedeutende Bildungsstätten, von denen einige noch heute existieren.
Geschichtliche Vorläufer
Die Akademie des Platon und das Lykeion (Lyzeum) des Aristoteles im alten Griechenland dienten dem fortgeschrittenen Studium der Philosophie. Seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. zogen außerdem viele römische Staatsmänner und Philosophen zu Bildungszwecken nach Athen, so z. B. Julius Caesar, Cicero, Augustus und Horaz. Auch die ägyptische Stadt Alexandria mit ihrer großen Bibliothek (siehe Alexandria, Bibliothek von) und ihrem Museum wurde in der Antike von zahlreichen Gelehrten aufgesucht. In den jüdischen Geisteszentren von Palästina und Babylon, in denen der Talmud entstand, konnte man seit etwa 70 n. Chr. studieren. Im nordindischen Nalanda wurden einheimische und ausländische Studenten bis ins 13. Jahrhundert im Buddhismus unterwiesen.
In China gab es entsprechende Einrichtungen seit dem 7. Jahrhundert, in Korea seit dem 14. Jahrhundert. Die mehr als 1 000 Jahre alte Azhar-Universität in Kairo bildet die höchste Autorität des Islam. Die islamische Al-Karawiyin-Universität in Fés (Marokko) wurde etwa zur gleichen Zeit (etwa 859 n. Chr.) gegründet.
Mittelalterliche Universitäten
Die Universitäten Westeuropas entstanden u. a. auch zur Wahrung der Rechte von Lehrenden und Lernenden. Vor allem aber waren sie (zunächst in Italien, Frankreich, England und Spanien) Stätten zur Verbreitung von Wissen. Im 12. Jahrhundert hatte sich Paris als geistiges Zentrum der Theologie und Philosophie etabliert. Nach dem Vorbild der Pariser Universität entwickelten sich später zahlreiche Universitäten in Nordeuropa. Das italienische Bologna etwa war ein Zentrum des Studiums der Rechte und bildete das Modell für die italienischen und spanischen Universitäten. Im 13. Jahrhundert wurden in Frankreich, England, Italien und Spanien Universitäten gegründet, 1348 entstand die erste Universität des Heiligen Römischen Reiches in Prag. Neugründungen in Wien, Erfurt, Heidelberg, Köln, Rostock, Löwen, Mainz und anderen Städten folgten im 14. Jahrhundert nach. Studenten, die aus einem bestimmten Land an eine Universität kamen, schlossen sich zu so genannten Nationen zusammen. Aus diesen Nationen entwickelten sich die Kollegien (nach lateinisch collegium: Gesellschaft). Der in England gebräuchliche Begriff Colleges spielt auf diese Traditionen noch heute an. Die mittelalterlichen Universitäten durften akademische Grade verleihen, die dazu berechtigten, in jedem christlichen Land zu lehren.
Zwischen Renaissance und 18. Jahrhundert
Allmählich befreite sich die Universität von der Vorherrschaft der Theologie. Ferrara und andere italienische Universitäten trugen die humanistischen Ideen der Renaissance in das nördliche Europa. Bologna war im 17. Jahrhundert das große Zentrum für Medizin und Biologie. Die 1575 gegründete Universität in Leiden (Holland) war für ihre Studien der neuen Naturwissenschaften hoch angesehen. Im 18. Jahrhundert avancierte sie außerdem zum Zentrum der Rechtswissenschaften. Die spanische Universität Salamanca, die um 1230 gegründet wurde, diente den im 16. und 17. Jahrhundert entstehenden Universitäten Mittel- und Südamerikas als Vorbild.
Im 16. Jahrhundert wurde die Universität Wittenberg zur Geburtsstätte der Reformation (1517). Ihr Initiator war Martin Luther, der dort als Lehrender tätig war. Luthers Studenten trugen seine Gedanken in zahlreiche Gegenden auch Skandinaviens und Osteuropas weiter. In der Schweiz entwickelte sich der Calvinismus von der Universität Genf aus: Fakultätsmitglieder und Studenten des Theologen Johannes Calvin verbreiteten dessen Ideen.

In Nordamerika gründeten Calvinisten das Harvard College (später Harvard University), die älteste amerikanische Universität. Auch das Yale College (später Yale University) und das College of New Jersey (jetzt Princeton University) verdanken sich calvinistischer Tradition.
In Russland wurde als erste weltliche Hochschule die staatliche Moskauer Universität gegründet (1755). Mitbegründer war der Naturwissenschaftler Michail Wassiljewitsch Lomonossow, nach dem sie heute benannt ist. Die Universitäten in Wilna (heute Litauen) und Dorpat (heute Estland) wurden zwar schon früher gegründet, waren aber vorwiegend religiös orientiert.
Das 19. und 20. Jahrhundert
In der Zeit nach der industriellen Revolution trug eine wachsende Mittelschicht zur Ausweitung des europäischen Hochschulwesens entscheidend bei. Vor allem die naturwissenschaftlichen Fakultäten erhielten durch die steigende Bedeutung der Wirtschaft, die qualifiziertes Fachpersonal benötigte, erheblichen Aufschwung. Im 19. Jahrhundert entwickelten sich zahlreiche deutsche Universitäten zu geistigen Zentren. Die Universität Berlin hatte eine berühmte philosophische Fakultät, Göttingen war für seine Philologien und seine mathematische Fakultät berühmt. Heidelberg wurde für seine mathematischen bzw. altphilologischen Bereiche, Leipzig für Psychologie und Jena für Pädagogik bekannt.

In Großbritannien wurden als erste Universitätsneugründungen seit dem Mittelalter die Universitäten in London und Durham, außerdem in Manchester, Liverpool, Leeds und Wales gegründet. Im Gegensatz zur Oxford University (gegründet im 12. Jahrhundert) und der Cambridge University (13. Jahrhundert) zogen diese red brick universities (Backsteinuniversitäten, im Unterschied zum traditionellen Baustil der älteren Universitäten) Studenten und Lehrende auch aus der Arbeiterschicht an. Nach dem 2. Weltkrieg beispielsweise lehrten und lernten hier viele der als Angry young men (zornige junge Männer) bezeichneten Schriftsteller.
In Kanada wurden im 19. Jahrhundert die McGill University und die Universitäten Toronto und Montreal gegründet.
Zu den europäischen Neugründungen des 19. Jahrhunderts zählen Universitäten in Berlin, Sankt Petersburg, Athen, Bukarest und Sofia. In Indien wurden 1857 nach dem Modell der Universität London die Universitäten Kalkutta, Bombay und Madras gegründet.
In China konnten sich die Universitäten im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert wegen innerer Unruhen nur langsam entwickeln. Die Universität Peking wurde 1896 gegründet. Die meisten anderen Universitäten und technischen Hochschulen stammen aus der Zeit nach dem 2. Weltkrieg. In Japan zählen die Universitäten von Tokyo (gegründet 1877) und Kyoto (gegründet 1897) zu den bedeutenden Hochschulen des Landes.

Auch im 19. Jahrhundert blieben Universitäten Geburtsstätten radikaler und revolutionärer Gedanken, so etwa in Russland vor der Revolution von 1917. Deshalb beschnitt die Regierung die akademischen Freiheiten und verhaftete Lehrende und Studenten. Restriktive und repressive staatliche Maßnahmen wie im zaristischen Russland gab es auch im Deutschland der zwanziger und dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts. So kam es 1831 etwa zu Studentenunruhen in Göttingen, was wiederum zur Schließung von Institutionen führte.
Die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts waren auch eine Zeit der Studentenunruhen. In den USA etwa wurde gegen den Vietnamkrieg protestiert. In der Bundesrepublik Deutschland entwickelte sich 1968 die Außerparlamentarische Opposition (APO) um den Studentenführer Rudi Dutschke. In den so genannten Osterunruhen, die einem Attentat auf Dutschke folgten, radikalisierte sich die deutsche Studentenbewegung. Vor allem die von der Großen Koalition verabschiedeten Notstandsgesetze stießen auf studentischen Protest. Auch in Warschau fanden 1968 Studentendemonstrationen statt. In China kam es noch 1989 zur Studentenrevolte. Die Proteste für mehr Demokratie auf dem Tiananmen-Platz in Peking wurden mit Waffengewalt niedergeschlagen.

In den siebziger Jahren etablierte sich die so genannte Fernuniversität. Ihr Studienmaterial wird im Fernsehen und Radio gesendet bzw. als Studienbriefe verschickt. Die erste Fernuniversität (Open University) wurde 1971 in Großbritannien gegründet. Seitdem gibt es Fernuniversitäten in vielen Ländern, einschließlich Indien und Südafrika. Die Fernuniversität Gesamthochschule Hagen (Westfalen) wurde 1974 gegründet. Sie hat etwa 34 000 Studierende.